Altenfelden zur Zeit des Nationalsozialismus

7. April 2014 § 2 Kommentare

1. Altenfelden vor dem Anschluß. 3

1.1.    Bürgermeister und Gemeinderat:3

1.2. Soziale und politische Lage:4

1.3 Die Illegalen:5

2. Der Anschluß:7

2.1 Die Wahl vom 10. April 1938:9

3. Politik auf Gemeindeebene:10

3.1. Die Gemeindeleitung:10

3.2. Die NSDAP:12

4. Jugendorganisation:16

4.1. Jugendorganisationen im Ständestaat:16

3.2. Die Hitlerjugend:17

5. Schule:21

5.1 Volksschule Altenfelden:21

5.2 Bürgerschule:22

6. Landwirtschaft:25

6.1. Umschuldung:25

6.2. Der Reichsnährstand:25

6.3. Bewirtschaftungs- und Ablieferungspflicht:26

7. Wirtschaft und Soziales:29

7.1. Arbeitslosigkeit:29

7.2. Sozialleistungen. 29

7.3. Gewerbebetriebe:30

7.4. Fremdarbeiter:32

7.5. Lebensmittel- und Güterversorgungslage:34

8. Rassenwahn:35

8.1 Der Ariernachweis:35

8.2 Das Umerziehungslager Doppl:35

8.3. Jüdische Mitbürger:39

9. Die katholische Kirche. 41

9.1. Die Priester der Pfarre:41

9.2. Die Kirche und der NS-Staat:42

9.3. Die Abspaltung der Pfarre Arnreit:44

10. Krieg. 46

10.1. Die Radarstation Fraunschlag:47

10.2. Fliegerangriffe:48

10.3. Flüchtlinge48

10. 4. Der Volkssturm. 50

10.5. Die letzten Kriegstage:50

11. Das Ende des Schreckens:54

11.1. Die Nationalsozialisten:55

Zusammenfassung:57

Literaturverzeichnis, Interviews. 58
Einleitung :

 

Mehr als 60 Jahre sind seit den Dreißiger-Jahren dieses Jahrhunderts vergangen, drei Generationen wurden inzwischen geboren, viel hat sich getan und viel hat sich geändert in Altenfelden, meiner Heimatgemeinde, tiefe Einschnitte verursachte vor allem die Zeit des Nationalsozialismus.

Aus der Buchliteratur, Zeitungskommentaren, authentischen Dokumenten, vor allem aber aus den Berichten der immer weniger werdenden Zeitzeugen versuche ich diese Ära darzustellen und damit vor dem Vergessen zu bewahren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Altenfelden vor dem Anschluß

 

Altenfelden war vor dem Krieg agrarisch geprägt, 53% der Bevölkerung (Volkszählung 1939) arbeiteten in der Landwirtschaft, heute sind es nur noch rund 10%. Aber auch Handwerker, Kaufleute und Wirte, deren Haupteinkommen gewerblich war, führten nebenbei eine kleine Landwirtschaft. 1828 von 1832 Altenfeldnern waren Katholiken, die verbleibenden Vier evangelisch A.B. (Volkszählung 1934, Statistisches Zentralamt). Auffällig ist, vergleicht man die Ergebnisse der Volkszählung 1934 und 1939, daß die Bevölkerung von 1934 auf 1939 um 57 Personen, bei hoher Geburtenrate, abgenommen hat. Ob die schlechte soziale und wirtschaftliche Situation dafür verantwortlich zu machen ist, läßt sich nur vermuten, von 2 oder 3 Familien weiß man, daß sie damals Altenfelden verließen, um ihr Glück in Übersee zu finden.[1]

 

1.1.      Bürgermeister und Gemeinderat:

Die Pfarrchronik, 1934 Seite 7, berichtet anläßlich der gerade in Kraft getreten Maiverfassung (Verfassung des Ständestaats, 1934):

 

„Der neue Gemeindetag wurde auf Grund der neuen Verfassung folgendermaßen zusammengestellt: Bürgermeister blieb Herr Joh. Kneidinger; Stellv.: Franz Gierlinger-Kleebauer; die meisten Mitgld. des Gemeindetages sind auch Volksvereinsmänner. Vor allem sei hier noch auf den vorbildlichen Katholiken, den Landtagsabgeordneten Michael Meisinger hingewiesen.“

 

Von 1930 bis zum Anschluß war Johann Kneidinger Bürgermeister in Altenfelden. Der „Schmied z’Heagschroa“, wie man ihn damals nannte, spezialisierte sich bald auf die Erzeugung einfacher landwirtschaftlicher Maschinen, begann doch damals in der Landwirtschaft allmählich die Mechanisierung. Die Gemeinde Altenfelden, Sarleinsbach und einige weitere kleinere Ortschaften wurden ab 1920 von Kneidingers E-Werk an der Kleinen Mühl mit Strom versorgt. Interessant ist, daß der Stromverbrauch damals nicht vom Stromzähler abgelesen, sondern nach der Anzahl der Glühbirnen geschätzt wurde, die Anschaffung eines Stromzählers wäre zu teuer gewesen. Die Pfarrchronik über Kneidinger:

 

„Die Pfarrkirche selbst schuldet dem Herrn Bürgermeister vielen Dank, da er den Bedarf an Licht u. Strom vollständig gratis zur Verfügung stellt. Ebenso ist Frau Kneidinger eine weithin bekannte Gönnerin der Armen u. Bedürftigen. Auch die soziale Behandlung der Arbeiter u. Angestellten in ihrem Betriebe ist vorbildlich“

 

Wenngleich auch dieser Auszug aus der Pfarrchronik ein etwas subjektives Bild des Bürgermeisters zeichnen mag, so läßt sich doch indirekt die Armut vieler Altenfeldner herauslesen.

 

1.2. Soziale und politische Lage:

Der vor kurzem verstorbene Altenfeldner, Rudolf Riede, stammte aus einer sehr armen Familie. Er erzählte, wie er täglich vier Kilometer nach Hühnergeschrei ging, um von der oben erwähnten Frau des Bürgermeisters eine Kanne Buttermilch umsonst zu bekommen. Dieses Beispiel illustriert das Schicksal vieler Menschen in dieser Zeit. Die Arbeitslosigkeit war groß, neben Jugendlichen, die vergebens auf den Eintritt ins Berufsleben warteten, hatten unter der Arbeitslosigkeit auch viele Kleinlandwirte zu leiden, waren doch auch sie oft vom Einkommen aus Gelegenheitsarbeiten abhängig, die es damals selten gab. Diese triste soziale Situation trieb viele Altenfeldner in die Arme radikaler Parteien, die Besserung versprachen.

 

Abb. 1 Nationalratswahl 1930 in Altenfelden

Quelle: Eigene Graphik nach Wahlbehörde, Innenministerium

 

 

Die Nationalratswahl 1930 war die letzte demokratische Wahl in der 2. Republik. Wenngleich sich die politische Situation in Österreich von 1930 bis zum Anschluß im Jahre 1938 stark verändert hat, so läßt sich doch vom Wahlergebnis 1930 auf die politische Grundhaltung der Altenfeldner schließen. 1930 wählten die meisten Altenfeldner die Christlichsoziale Partei und den Heimatblock. Der Heimatblock war die Partei des Heimwehrführers Starhemberg, die durch Machtstreitigkeiten zwischen Heimwehr und Christlichsozialer Partei entstanden war. Der wesentlichste Unterschied zwischen Christlichsozialer Partei und Heimatblock bestand 1930 darin, daß die Heimwehr die Demokratie ablehnte und sich zum Faschismus bekannte. Die beiden christlichen und pro-österreichischen Parteien konnten damals zusammen ca. 76% der Altenfeldner für sich gewinnen, gefolgt von den Sozialdemokraten mit ca. 18,5 % der Stimmen. So unbedeutend, wie man es auf Grund der Bevölkerungsstruktur vermuten hätte können, waren die Sozialdemokraten demnach in Altenfelden nicht, die Hochburg des Sozialismus in der Gemeinde war die Papierfabrik Obermühl. Rund 5,5 % der Stimmen konnte damals das deutschnationale Lager für sich gewinnen (Landbund für Österreich, Nationaler Wirtschaftsblock und Landbund ). Nur drei Altenfeldner darunter eine Frau (die Stimmen von Frauen und Männern wurden damals getrennt ausgezählt) wählten 1930 die erstmals kandidierende Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Drei Stimmen für die NSDAP, das lag verglichen mit anderen Gemeinden des Bezirks im Schnitt. Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang das Wahlergebnis in der Nachbargemeinde Lembach. 53 Personen stimmten für die NSDAP, das war mehr als ein Viertel aller NSDAP Stimmen des Bezirks.

 

1.3 Die Illegalen:

Die zunehmende Radikalisierung der Politik, die Entstehung des Ständestaats und das Verbot von NSDAP und Sozialdemokratischer Partei bewirkten eine Veränderung der politischen Landschaft. Während im Jahre 1930 die NSDAP noch unbedeutend war, gelang es, trotz des 1933 verhängten Verbots der Partei (Illegalität), Anhängerschaft hinzu zu gewinnen. Die Anhänger kamen vor allen Dingen aus den Reihen der zunehmend unbedeutend gewordenen Großdeutschen Parteien wie dem Landbund, aber auch ehemalige Sozialisten ließen sich, als nach dem Bürgerkrieg 1934 der Kampf des Sozialismus verloren schien, für das Gedankengut der NSDAP gewinnen. Erstmals erwähnt werden die Altenfeldner „Illegalen“, wie man die Anhänger der NSDAP zwischen 1933 und 1938 nannte, anläßlich der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß als Folge des Putschversuches der NSDAP am 25. Juli 1934. Die Pfarrchronik äußert sich dazu wie folgt (S. 7, 1934):

 

„25. Juli. Der große Volkstrauertag vom Kanzlerblut durchsickert. Auf alle echten guten Österreicher wirkte dies wie der Verlust von Vater und Mutter. Unglaublich das Ereignis am 25. Juli um 1h am Ballhausplatz und auch unverständlich. Kanzler Dollfuß ist tot, aber sein Geist lebt belebend fort. Herr Lehrer Fenk, Führer d. Ortsschutzes   übernahm sofort den Befehl im Orte und nahm einige Verhaftungen vor, vor allem die prominente[n] Nazi[s] ,   Geist u. Rückgrat d. Nazibewegung war hier der Ortsarzt Dr. Schnopfhagen, der auch unter den Verhafteten war. Sie wurden nach Rohrbach gebracht. Gelegentlich   einer Betstunde in der dortigen Pfarrkirche mußten die Verhafteten vor einem beleuchteten Dollfußbild mit erhobenen Armen stehen. Bald wurden sie jedoch wieder freigelassen. In religiöser wie auch in vaterländischer Hinsicht wurde von diesen Kreisen sehr viel Schaden angerichtet. Hier u. auch in den anderen Orten gingen die einstigen Nazi zu der Heimwehr über. Einige Beunruhigung verursachten die Zwischenfälle an der Grenze (Kollerschlag).“

 

Hier zeigt sich deutlich die Unterstützung des Dollfußregimes durch die Kirche. Auch wenn laut Pfarrchronik die Illegalen der Heimwehr beitraten, gingen sie im Untergrund weiterhin ihrer Überzeugung nach. Die Altenfeldner Josef Obermüller und Hans Magauer, beide arbeitslos und Nationalsozialisten, verließen Österreich, das ihnen keine Perspektiven mehr bieten konnte, und gingen zur Österreichischen Legion nach Deutschland. Die Österreichische Legion war eine Truppe junger, österreichischer Nationalsozialisten, die dort für einen möglichen Anschluß militärisch ausgebildet wurden. Nur 50 Pf. pro Stunde hat man als Legionär verdient, erzählte Hans Magauer. Als er seinen Unmut über den Sold mit „ Kriang ma ned mehr“kund tat, gab ihm ein Vorgesetzter zur Antwort „Wia hom eng eh ned g’schrirn, wats in Österreich blim.“.[2] Der Entschluß, Österreich zu verlassen, kostete die Legionäre die österreichische Staatsbürgerschaft und die Möglichkeit, nach Österreich zurück zu kehren. Für die Legionäre war es auch nicht gewiß, wann und ob der Anschluß kommen würde.

 

 

 

 

 

 

2. Der Anschluß:

 

Schon im Jahre 1934 versuchten die Nationalsozialisten, die Macht in Österreich an sich zu reißen, allerdings erfolglos. Hitler schrak damals vor einem Einmarsch in Österreich zurück, um Mussolini, der auf der Seite Österreichs stand und den Hitler zu seinem Verbündeten machen wollte, nicht zu verärgern. Vier Jahre später war die Situation eine andere, Hitler hatte mittlerweile Mussolini für sich gewinnen können und Österreich war Hitler, der seinen ersten großen außenpolitischen Coup landen wollte, ausgeliefert. Am 12. 2.1938 wurde Bundeskanzler Schuschnigg zu Unterredungen mit Hitler nach Berchtesgaden zitiert. Unter dem Druck Hitlers mußte Schuschnigg dessen Forderungen erfüllen. Der Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart wurde zum Sicherheitsminister mit voller und unbeschränkter Polizeikompetenz ernannt und die NSDAP wieder erlaubt. Der zunehmende außen- und innenpolitische Druck veranlaßte Schuschnigg, eine Volksabstimmung für den 13.3.1938 anzusetzen, durch die er sich ein Bekenntnis der Österreicher zum eigenen Staat und damit die Legitimation der Existenz Österreichs erwartete. Dazu eine Wahlparole Schuschniggs aus den Mühlviertler Nachrichten vom 11. März 1938, Nr.10, Seite 1:

 

„Für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich! Für Friede und Arbeit und die Gleichberechtigung aller, die sich zu Volk und Vaterland bekennen! Front Heil! Österreich! Schuschnigg“

 

Zur Wahl kam es nicht mehr. Hitler fürchtete den Ausgang der Wahl und noch am selben Tag, an dem dieser Text erschienen war, unterzeichnete Hitler den Einmarschbefehl für Österreich, Schuschnigg trat zurück und an seiner Stelle wurde Seyß-Inquart Bundeskanzler. Am 12. März, den Tag darauf, um 5 Uhr morgens traf Himmler in Wien ein, es gab die ersten Verhaftungen, eine halbe Stunde später begann der Einmarsch der deutschen Truppen (Scheucher, 1997, S.117).

 

 

Der 12. März gestaltete sich bei uns so:

 

„Neufelden. (Der Tag der Vereinigung aller Deutschen) wurde unter ungeheurem Jubel auch bei uns gefeiert. Nach Bekanntgabe des Rücktritts der Regierung Schuschnigg versammelten sich alle deutschbewußten Menschen, Nationalsozialisten und SA. von Neufelden, Altenfelden, St.Martin, Arnreith, Partenstein, Obermühl, Neuhaus, Kleinzell, Herzogsdorf, Niederwaldkirchen, St. Peter. Besonders stramm     rückte die SA. an. An die 400 Teilnehmer zogen mit Fackeln und unter Absingen nationaler Lieder auf   den Hauptplatz. Bezirksleiter Alzano hielt eine begeisterte Ansprache und das Deutschlandlied schloß die mächtige Kundgebung. In derselben Nacht wurden alle Ämter besetzt. ……“ (Mühlviertler Nach-richten, 1938, Nr.11, S.6)

 

In Altenfelden wurde der Bürgermeister Kneidinger umgehend vom Gemeindearzt und Nationalsozialisten Dr. Schnopfhagen abgelöst. Ortsgruppenleiter der NSDAP wurde der Tischlermeister Großhaupt (Auf die Organisationstruktur der Gemeinde wird im nächsten Kapitel näher eingegangen).

Ungefähr 1000 vollständig ausgerüstete deutsche Soldaten marschierten am 13. März von Kollerschlag kommend über Hühnergeschrei durch Altenfelden nach Neufelden, wo sie von der Neufeldener Bevölkerung in Quartier genommen wurden. Am nächsten Tag zogen die Soldaten dann weiter in Richtung Linz.

 

„Es war Donnerstag, der 13. März 1938, ein sehr schöner und warmer Tag. In Altenfelden herrschte große Aufregung, und überall hörte man: „Heute kommen die Deutschen, noch im Laufe des Tages marschieren sie ein.“ Bereits um die Mittagszeit war die Musikkapelle versammelt und nahm im Garten des Gasthauses Linkeseder Aufstellung. Der nachmalige Ortsgruppenleiter und seine Helfer hatten alle Hände voll zu tun, um die verschiedensten Abordnungen und Formationen aufzustellen. Der Ortsplatz und die Straßenseiten füllten sich mit Menschen, alle Häuser waren beflaggt, die Sonne lachte vom Himmel, und das Thermometer stieg auf 22° C. Viele liefen schon barfuß, und als die Musik zu spielen begann, da tanzten viele Leute auf der Straße. Endlich meldete ein Vorbote das Kommen der Deutschen, worauf ein Schreien und Jubeln anhob: „Sieg, Sieg, Heil Hitler!“ usw. Um 14 Uhr begann der Einmarsch: Vorreiter, Musikkapellen, Marschtruppen, Kanonen, Feldküche, Geschütze aller Art usw. Das wechselte immer ab und wollte kein Ende nehmen. Der Durchmarsch dauerte schließlich bis 17 Uhr, und unter lauten Beifallsrufen bestaunten alle die vielen Fahrzeuge, Geschütze etc. Das war absolut neu und einmalig!“(Katzinger, 1978, S.52-53)

 

In Altenfelden war es nicht anders als im übrigen Österreich, fast alle, auch wenn sie sich nicht mit den Nationalsozialisten identifizieren konnten, waren überwältigt vom Ereignis des Anschlusses, von Aufmärschen, Reden, bunten Fahnen und Uniformen. Man war sich einig, es hatte eine große Stunde geschlagen. Es herrschte Aufbruchstimmung, man war voller Erwartungen und Hoffnungen und tatsächlich brachte das NS-Regime anfangs in vieler Hinsicht Besserung. Das Problem der Arbeitslosigkeit wurde gelöst und neue Sozialleistungen eingeführt.

 

2.1 Die Wahl vom 10. April 1938:

Hitler ließ am 10. April 1938 eine Wahl durchführen, in der sich alle Deutschen für den Anschluß aussprechen sollten. Das Wahlergebnis sollte Hitlers Politik im Ausland legitimieren.

Der größte Aufwand wurde getrieben, um einen positiven Ausgang der Wahl zu bewirken. Zahlreiche Wahlveranstaltungen wurden in fast allen Gemeinden des Bezirks organisiert. Allein in Altenfelden fanden zwei große Kundgebungen statt, am Mittwoch den 30. März und am Sonntag den 3. April 1938. Weitere Kundgebungen gab es sogar in so kleinen Gemeinden wie Pürnstein, Sprinzenstein und Hörbich. (Bis zum Anschluß waren Sprinzenstein und Pürnstein eigene Gemeinden.) Bei diesen Veranstaltungen waren meist Parteifunktionäre aus Linz und der Bezirksleiter Alzano anwesend. Die Osterferien begannen wegen der Wahl schon am Samstag den 9. April 1938 (Mühlv. Nachrichten, 1938, Nr.12).

Die Fragestellung der Wahl war folgende:

 

„Bekennst Du Dich zu unserem Führer Adolf Hitler und damit zu der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich?“ (Mühlviertler Nachrichten, 1938, Nr.14)

 

Die Wahl fand in Altenfelden im Thalerhaus statt, das Thalerhaus stand früher dort, wo heute der Marktplatz ist. Die Wahl hatte nichts mit einer rechtsstaatlichen modernen Wahl zu tun, war doch die einseitige Wahlwerbung im Wahllokal erlaubt, vor allem aber war die Wahl nicht geheim. Dementsprechend war auch das Ergebnis der Wahl. In Altenfelden war nur eine von 1074 gültigen Stimmen gegen den Anschluß. Im Gerichtsbezirk Neufelden stimmten von 8575 Wahlberechtigten nur vier mit „Nein“ und zwei ungültig. Im Bezirk Rohrbach gab es 30680 Ja-Stimmen, 41 Nein-Stimmen und 8 ungültige Stimmen, österreichweit waren

99,74 % für den Anschluß (Mühlviertler Nachrichten, 15.4.38, S.1)

Wer in Altenfelden mit Nein gestimmt hat, ist nicht dokumentiert, die befragten Personen nannten zwei oder drei Altenfeldner, so etwa den Landtagsabgeordneten Meisinger und den ehemaligen Bürgermeister Kneidinger, beiden war gemeinsam, daß sie sich mit dem Ständestaat identifizierten.[3]

 

3. Politik auf Gemeindeebene:

 

3.1. Die Gemeindeleitung:

Beim Anschluß wurde der Bürgermeister Johann Kneidinger durch den Gemeindearzt Dr. Franz Schnopfhagen (1888-1967) abgelöst. Dr. Schnopfhagen blieb allerdings nur wenige Wochen Bürgermeister in Altenfelden (Pfarrchronik, 1938, S.24). Er war als Akademiker doch überqualifiziert für eine derart kleine Gemeinde, so stieg er die Parteileiter hoch und wurde im April 1938 als Chefarzt der Krankenkasse nach Linz bestellt. Er stammte aus der bekannten Musiker- und Lehrerfamilie Schnopfhagen. Eine Sonate Schnopfhagens wurde im November des Jahres 1943 mit Mitteln des Gaukulturpreises im Druck herausgegeben (Slapnicka, 1978, S.385).

 

Schnopfhagens Nachfolger als Bürgermeister war der Wirt und Landwirt Georg Furtmüller, Furtmüller blieb bis Ende des Krieges Bürgermeister von Altenfelden. Er war zwar Nationalsozialist, aber er war im Gegensatz zum Ortsgruppenleiter kein Fanatiker und ließ sich nichts zu Schulden kommen, das politische Engagement überließ er den anderen. Als Wirt war er bemüht mit allen Altenfeldnern gut auszukommen, vielleicht machte sich der Einfluß seiner katholischen Frau bemerkbar, die beim Kirchenchor war, außerdem war seine Schwester mit einem Juden verheiratet.[4]

Der Anschluß ans Deutsche Reich brachte nicht nur neue Männer an die Spitze der Gemeinde sondern regelte das politische Leben auf neue Weise. Die neue deutsche Gemeindeordnung veränderte das Amt des Bürgermeisters und verankerte die beiden Säulen des NS-Staates auch auf Gemeindeebene. Die Säulen des NS-Staats sind der Führungsgrundsatz und die Einheit von Staat und Partei. Der Bürgermeister wurde nicht von der Gemeinde gewählt, sondern von staatlichen Stellen im Einvernehmen mit den Parteidienststellen ernannt, denn demokratische Strukturen wurden vom Nationalsozialismus prinzipiell abgelehnt.

 

„Es war ein Irrglaube der liberal-demokratischen Zeit, daß angenommen wurde, das Organ einer           Körperschaft könne nur im Wahlverfahren von den einzelnen Mitgliedern bestimmt werden…..Wir wissen heute, daß gerade das Wahlverfahren in der Regel nicht zur Ermittlung von Männern führt, die                   lebendiger Ausdruck der gesamten Körperschaft sind, sondern daß die Wahl Interressensvertreter           und     Exponenten bestimmter Machtgruppen an die Spitze bringen.“ (Huber, 1939, S. 467-478)

 

Der Bürgermeister sollte nach der deutschen Gemeindeordnung 1935 nicht bloßer Verwalter, sondern ein wirklicher Führer an der Spitze des Gemeindelebens sein. Genau das Gegenteil war jedoch der Fall, der Bürgermeister hatte im politischen Alltag nur noch eine verwaltungstechnische Funktion. Eine einflußreichere Position als die des Bürgermeisters hatte der Ortsgruppenleiter inne, dieser war der höchste Parteifunktionär im Ort. Ortsgruppenleiter in Altenfelden war der Tischlermeister Karl Großhaupt, Großhaupt war vor allem in Bezug auf sein Verhalten in den letzten Kriegstagen, eine äußerst umstrittene Persönlichkeit. Vor dem Anschluß dürfte Großhaupt keine besondere Rolle im öffentlichen Leben gespielt haben.

Die starke Position des Ortsgruppenleiters war dadurch begründet, daß die NSDAP als der politische „Willensträger des Volkes“ maßgeblichen Einfluß auf die Gemeinde haben sollte. Der Ortsgruppenleiter war bei einigen Akten der Gemeindeverwaltung mit einbezogen z.B. war es der Ortsgruppenleiter, der den Bürgermeister vorschlug.

Die Zusammenarbeit von Partei und Gemeinde sollte in jenen Fragen gewährleistet werden, in denen die „Grundordnung der Gemeinde“ betroffen ist (Huber, 1939, S.479).

 

Es gab auch Gemeinderäte, auch sie wurden vom Ortsgruppenleiter bestimmt. „Bei der Auswahl der einzelnen Gemeinderäte“ so hieß es „ist auf nationale Zuverlässigkeit, Eignung und Leumund zu achten; ferner sind solche Männer zu berücksichtigen, deren Wirkungskreis für die Gemeinde besondere Bedeutung hat.“ (Huber, 1939, S.478) Zu zahlreichen Angelegenheiten mußte der Bürgermeister die Gemeinderäte um ihre Meinung fragen.

 

Mit Kriegsbeginn sank die Arbeit der Gemeinde praktisch auf Null.[5]

 

3.2. Die NSDAP:

Die NSDAP war „Trägerin des Staatsgedankens“ und dafür verantwortlich, daß der Wille der obersten Parteispitze in Berlin so schnell wie möglich umgesetzt wurde, deshalb war die NSDAP in allen Lebensbereichen präsent, nichts geschah ohne die Zustimmung oder das Wissen der Partei.

An der Spitze der Ortsgruppe Altenfelden stand der Ortsgruppenleiter Großhaupt. Die Ortsgruppe Arnreit wurde vermutlich im Juni 1938 der Ortsgruppe Altenfelden angeschlossen (Mühlviertler Nachrichten, 16.6.1938, S.24). Die Ortsgruppe Altenfelden wurde wiederum in Zellen und Blöcke unterteil, denen jeweils ein Zellen- und Blockleiter vorstand. Eine Zelle entsprach etwa einer Ortschaft und diese teilte man wiederum in 2 bis 3 Blöcke[6], somit war die Aufsicht der NSDAP bis in die kleinste soziale Einheit gesichert.

 

„Altenfelden (Zellenabend.) Unsere Zellenabende, die abwechselnd in den verschiedenen Gaststätten abgehalten werden, bieten mancherlei Aufklärung und Belehrung. So brachte uns der letzte Zellenabend einen Vortrag über Frankreichs Grenzen und Befestigungen. Anschließend folgten Schmalfilmvorführungen.“ (Heimatblatt[7], 1940, Nr.40, S.8)

 

Neben dieser nach militärischem Vorbild strukturierten Gemeindeeinteilung der Partei gab es noch zahlreiche andere Parteiorganisationen, wie die NSV, die NS-Frauenschaft, die SA, die Ortsbauernschaft, die Hitlerjugend und andere. Das öffentliche Leben war in allen Bereichen ganz von der Partei dominiert.

 

 

„Altenfelden. (Von der Woche.) Am 16. d. [Monats] fand im Gasthof Furtmüller unter Vorsitz des Ortsgruppenführers Pg. Großhaupt [Pg.=Parteigenosse] eine Besprechung statt, in der die Einteilung der Ortsgruppe der NSDAP. und deren Gliederung festgelegt wurden. Am Vorabend des Geburtstages unseres Führers fand um 19 Uhr 30 Minuten eine Kundgebung statt, in der Pg. Osterkorn einen kurzen Überblick über das Leben unseres Führers Adolf Hitler gab. Hernach war Gemeinschaftsempfang [Radio] der Rede Dr. Göbbels. Dann formierten sich die verschiedenen Formationen, voran das Jungvolk, Hitlerjugend, BdM, die Musikkapelle, die beiden Legionäre unseres Ortes, die SA, BdF, die pol. Leitung, die Gemeinde, der Lehrkörper, die Post, die Feuerwehren Altenfelden, Hühnergeschrei, Feuchtenbach unter dem Kommando des H. Obmannes Hirsch zu einem Fackelzug, der unter großer Anteilnahme der Bevölkerung durch den festlich beleuchteten Ort von statten ging. Schätzungweise nahmen 600 Personen daran teil.“ (Mühlviertler Nachrichten, 1938, Nr.16, S.8)

 

 

3.2.1. Die NSV:

Die NSV, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt wurde in Altenfelden vom Schneidermeister Josef Osterkorn geleitet. Er war neben Großhaupt einer der aktivsten Männer in der Ortsgruppe. Man sagte ihm nach, ihn hätte seine Arbeit als Schneider wenig gefreut und seine Tätigkeit in der NSDAP wäre eine erwünschte Abwechslung gewesen.[8]

Der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt ist die Errichtung des ersten Altenfeldner Kindergartens zu verdanken, der im Haus Osterkorns, links neben der alten Schule, untergebracht war. Die Kinder wurden von einer sogenannten „Zuagroasten“ einer Frau Prinz aus Grein betreut.[9] Erst Jahrzehnte nach Kriegende sollte in Altenfelden wieder ein Kindergarten entstehen. Auch die Parteiorganisationen KdF, „Kraft durch Freude“ und das „Winterhilfswerk“ unterstanden Osterkorn. KdF war eine Parteieinrichtung, die Ausflüge und Reisen veranstaltete und sich mit Freizeitgestaltung generell beschäftigte, durch die das deutsche Volk neue Kraft schöpfen sollte. Der Ortsstellenleiter (bzw. Ortsamtsleiter) der NSV, Osterkorn, hatte ein kleines Büro im Gemeindehaus.[10]

 

„Altenfelden…(Versammlung.) Am 28. v. [28.10.38] berief die NSV ihre Mitarbeiter zu einer Besprechung ein. Der nimmermüde Amtswalter Pg. Osterkorn [Pg. = Parteigenosse] sprach über Bedeutung, Größe und Auswirkungen des Winterhilfswerkes, das nicht nur Sache einiger weniger ist, sondern Arbeit und Pflicht des ganzen deutschen Volkes. Die Mitarbeiter erhielten weitere Weisungen und führten als nächstes die Pfundsammlung mit besten Erfolg durch.“ (Heimatblatt, 1938, Nr.18)

 

3.2.2. Die NS-Frauenschaft:

Die dominierenden Persönlichkeiten in der NS-Frauenschaft waren die Frau des Ortsgruppenleiters Georgine Großhaupt, die Handarbeitslehrerin Grete Radler und die Lehrerin Kriechbaum. In der NS-Frauenschaft waren hauptsächlich Frauen aus nationalsozialistisch geprägten Familien. Von der NS-Frauenschaft wurden Kurse und Schulungen für Frauen veranstaltet.

 

„Altenfelden (Frauenschaftsversammlung.) In Altenfelden fand am 30. v. [30.10.1938] im Gasthof Furtmüller eine Versammlung der NS-Frauenschaft statt, welche von der Ortsfrauenschaftsleiterin Pgn. Radler [Pgn.=Parteigenossin] einberufen wurde. Es sprach zu unseren Frauen die Kreisfrauenschaftsleiterin Pgn. Geuß in eindringlichen und zu Herzen gehenden Worten über Ziel und Zweck der Frauenschaft im heutigen nationalsozialistischen Deutschland. Es müssen sich die Frauen insgesamt zur Ehre   und zum Stolze rechnen, mittätig sein zu dürfen an dem großen Aufbauwerke des Führers, dem doch       alle Frauen der Ostmark zu ungeheurem Danke verpflichtet sind und wie er unermüdlich seine Kraft         unserem Vaterlande widmet, die Frauen ihm darin folgen sollen, auch ihrerseits für das große Werk       Opfer zu bringen. Die Ortsfrauenschaftsleiterin Pgn. Radler dankte der Kreisfrauenschaftsleiterin für       ihre lieben Worte und ihre näheren Ausführungen und Pgn. Geuß schloß die Versammlung mit einem dreifachen Sieg-Heil auf unseren Führer. Nach Absingen der beiden Hymnen begaben sich die Frauen sichtlich beeindruckt auf den Heimweg.“(Heimatblatt, 5.11.1938, Nr.18)

 

„Altenfelden (Kurse) Die NS Frauenschaft begann die Reihe ihrer Kurse anfangs dieser Woche mit           einem Krankenpflegekurs, der in der Volksschule abgehalten wird.“ (Heimatblatt, 1938, Nr.5, S.13)

 

 

 

3.2.3. Die SA:

Die SA, die Sturmabteilung, war eine paramilitärische Einrichtung der NSDAP, die allerdings zunehmend an Bedeutung verlor. Der SA gehörten männliche Parteimitglieder an, die SA- Truppe Altenfelden dürfte in die SA-Schar Altenfelden, Hühnergeschrei und Arnreit unterteilt worden sein.

 

„Arnreith (SA-Appell) Am 12. Juni hielten die SA-Scharen Altenfelden, Hühnergeschrei und Arnreith eine stramme Übung ab. Das Kommando führte Truppenführer Josef Hörschläger aus Altenfelden. Der stramme Marsch durch unseren Ort zeigte von der guten Organisation.“ (Mühlviertler Nachrichten, 16.6.1938, S.24)

 

Die Hitlerjugend wird im folgenden Kapitel ausführlich beschrieben.

Auf die Ortsbauernschaft wird im Kapitel Landwirtschaft eingegangen.

 

[FK1] Wie dem Leser vielleicht aufgefallen ist, unterscheidet sich dieses Kapitel von den anderen durch besonders viele Zitate aus dem „Heimatblatt“ bzw. aus den „Mühlviertler Nachrichten“. Das hat den Grund, daß fast alle Beiträge im Heimatblatt über die Gemeinde Altenfelden die Tätigkeiten der NSDAP zum Thema hatten. Die meisten dieser Zitate stammen aus dem Jahre 1938, in den Jahren danach wird die Berichterstattung magerer, das hat zum einen damit zu tun, daß das Heimatblatt zunehmend dünner wurde, aber vermutlich auch damit, daß die Aktivitäten der NSDAP im Ort durch den Kriegsausbruch immer weniger wurden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4. Jugendorganisation:

4.1. Jugendorganisationen im Ständestaat:

Schon im Ständestaat gab es in Altenfelden mehr oder weniger erfolgreiche Versuche, Jugendorganisationen zu etablieren.

 

4.1.1 Mädchenorganistationen:

Als „ein großes Wagnis“ bezeichnete der Chronist der Pfarrchronik im Jahr 1935 (S. 8) die ersten Bemühungen um eine katholische Mädchenorganisation, versuchte man damals doch erstmals eine Jugendorganisation in Altenfelden zu errichten. Die Arbeit der Mädchenorganisation wurde durch eine dreitägige, sehr erfolgreiche und gut besuchte Veranstaltung im Oktober 1935 eingeleitet. Die Pfarrchonik äußerte sich dazu wie folgt:

 

„Möge damit der Grund gelegt sein zu eifriger seelsorgl. Betreuung d. schulentwachsenen   Mädchen!“

(Pfarrchronik, S.8, 1935)

 

Diese seelsorgliche Betreuung fand im Rahmen der Marianischen Kongregation und deren altersmäßigen Vorstufe der „Agnesgruppe“ (benannt nach der Heiligen Agnes) im Pfarrhof statt. Neben dem Gebet und seelsorglicher Betreuung wurde viel getanzt und gespielt. Besonders aktiv als Leiterinnen der Gruppen waren Frau Maria Wolfmayr und deren Schwester Theresia Kneidinger.[11]

 

4.1.2 Burschengruppen:

Die Gründung einer Burschengruppe in Altenfelden gestaltete sich etwas schwieriger als die einer Mädchengruppe. Zuerst bildetete sich eine Jungvaterlandgruppe, die anfangs gut besucht war, jedoch bald auf 7-8 Mitglieder schrumpfte (Pfarrchronik, S.9, 1935). Die Jungvaterlandgruppe war die Jugendorganisation der Heimwehr, bis sie nach der Gründung des österreichischen Jungvolks, der Staatsjugendorganisation des Ständestaats, im Oktober 1936 in die

se eingegliedert wurde (Tusek, 1992, S.22). Nachdem die Jungvaterlandgruppe so schlecht besucht war, ging man von kirchlicher Seite daran, eine katholische Burschengruppe in Altenfelden zu installieren. Bei der Heimwehr stieß dies auf großen Widerstand, war man doch gar nicht über die Konkurrenz erfreut. Schließlich gelang es, durch die Intervention des Bischofs eine Gruppe des Jungreichsbunds in Altenfelden zu etablieren. Der Reichsbund der katholischen deutschen Jugend Österreichs wurde im Mai 1918 gegründet und vereinigte in sich sämtliche Diözesanverbände der kath. Jugendorganisationen (Tusek, 1992, S.9).

Anfangs hatte der Jungreichsbund in Altenfelden 18 Mitglieder, die Mitgliederzahl stieg bis 1937 jedoch auf 48 Buben. Der Versuch, eine Gruppe für die älteren Burschen zwischen 14 und 28 Jahren aufzustellen, scheiterte jedoch. Dazu die Pfarrchronik:

 

„Alle Versuche, zugleich auch die bereits erwachsenen Burschen (14-28 Jahre) zu sammeln, scheiterten schließlich an der großen Untätigkeit der Burschen selbst. Im Orte selber sind ja wenige, die dazu zu haben sind. Wahrscheinlich bietet auch die relig. Gleichgültigkeit, die hier jahrelang gezüchtet wurde, große Schwierigkeiten.“(Pfarrchronik, S.9, 1935)

 

3.2. Die Hitlerjugend:

Nach dem Anschluß hatten alle Jugendorganisationen ihre Existenzberechtigung verloren, an ihre Stelle trat die Staatsjugendorganisation des Deutschen Reiches, gemeinhin als Hitlerjugend bezeichnet. Die Hitlerjugend war in 4 Untergruppen geteilt:

das Deutsche Jungvolk (DJV), dem die Buben von 10 bis 14 angehörten, die eigentliche Hitlerjugend (HJ), Burschen von 14-18 Jahren. Bei den Mädchen gab es die Deutschen Jungmädel (DJ) von 10-14 Jahren und dann den Bund Deutscher Mädel (BdM) von 14-18 Jahren.

Per Dekret vom 25. März 1939 wurde die Pflichtmitgliedschaft für diese Organisationen eingeführt, betroffen davon war erstmals der Geburtsjahrgang 1929. Die Aufnahme in das DJV und zu den Deutschen Jungmädel fand am Tag vor Hitlers Geburtstag, im Rahmen einer feierlichen Zeremonie, im Ort statt. (Tusek, 1992 S. 27-32)

Die Hitlerjugend und das Deutsche Jungvolk, weniger aber BdM und DJ zeichneten sich durch ihre stark militärisch geprägte Organisation und Hierarchie aus. Beim DJV z.B. nannte man die Buben Pimpfe, jeder Jahrgang Pimpfe bildete einen Jungzug. Dieser Jungzug wurde von einem Jungzugführer geleitet, der 1-2 Jahre älter als die Pimpfe war. Vier Jungzüge bildeten wiederum ein Fähnlein, dem ein Fähnleinführer vorstand. Einem Fähnlein entsprachen im Fall Altenfelden ca. 80 Pimpfe, das waren alle Pimpfe der Ortschaft. Arnreit, das zur Ortsgruppe Altenfelden gehörte, besaß kein eigenes Fähnlein sondern nur einen oder mehrere Jungzüge. Fähnleinführer waren meist 15-16 Jahre alt, Fritz Eder, Karl Zöchbauer und zuletzt Günther Felhofer hatten in Altenfelden diese Position inne.[12]

In den Aussagen der Zeitzeugen wurde kaum zwischen HJ und DJV unterschieden, wahrscheinlich ließ die Größe des Ortes und in den Kriegsjahren die Abwesenheit der älteren Jugendlichen keine rigorose Trennung der beiden Gruppen zu. Beim BdM war eine Neufeldnerin Führerin.[13]

 

Tab. 2   Organisatorische Gliederung der Jugendorganisationen, im 3. Reich

Gebiet Obergaue
Hitlerjugend Jungvolk B.d.M. Jungmädel
Bann Jungbann Untergau Jungmädeluntergau
Stamm Jungstamm Mädelring Jungmädelring
Gefolgschaft Fähnlein Mädelgruppe Jungmädelgruppe
Schar Jungzug Mädelschar Jungmädelschar
Kameradschaft Jungschaft Mädelschaft Jungmädelschaft

Quelle: http://www.sol.s.bw.schule.de/ProjektG/in/jkkg.html,1999

 

Dem militärischen Vorbild entsprechend gab es bei der HJ auch Uniformen, die sich aber nur der Kern der Partei leistete.[14] Karl Zöchbauer hatte schon am 13.März 1938 beim Ministrieren unter dem Ministrantenhemd eine HJ Uniform an, in deren Besitz er unmittelbar beim Anschluß gekommen war.[15]

Karl Zöchbauer machte Karriere bei der HJ, er wurde hauptamtlich bei der Hitlerjugend angestellt. Sein Lohn waren 120 RM und 50 Pf. Kilometergeld. Mit seinem ersten Lohn kaufte Zöchbauer für seinen Vater einen neuen Wendepflug, der die Arbeit zuhause wesentlich erleichterte. Zöchbauer war für die Betreuung der Hitlerjugend in Neufelden, Altenfelden,     Arnreit, Kirchberg und Obermühl zuständig, oft fanden auch Dienstbesprechungen in Rohrbach statt. Zöchbauer qualifizierte sich für diese Stelle durch sein sportliches Talent. Bei zahlreichen Wettbewerben war er in verschiedener Disziplinen auf Landesebene an der Spitze mit dabei.[16]

 

In den Heimstunden der HJ wurde neben politischem Unterricht nicht nur militärische Disziplin gelehrt, sondern vor allen Dingen Sport betrieben. Der Sport hatte in der NS Ideologie einen besonderen Stellenwert, war doch für Hitler ein gesunder Körper mehr wert als ein „geistreicher Krüppel“. Eine sportliche und stets kampfbereite Jugend mit dem Willen zum Sieg war gefragt. Über die HJ im Krieg Karl Zöchbauer am 17.1.99:

 

„…mit 16 war ich das erste Mal bei der Musterung in Rohrbach wegen der HJ Division, die in der Normandie zugrunde gegangen ist. Am längsten Tag am 6.Juli (44) sind die meisten schon gefallen. Sie hätten mich genommen, aber der Bannführer war dagegen, er sagte, wir brauchen zuhause auch jemanden, 2 durften einrücken (aus dem Bezirk)…“

 

Die HJ war es, die den Sport nach Altenfelden brachte, der Union Sportverein wurde erst im Jahre 1959 gegründet. Neben Fußball und Leichtathletik wurde im Rahmen der Heimstunden auch geboxt und geschossen. Beim BdM, so erinnerte sich eine Zeitzeugin, wurde viel gelaufen und geturnt. Die Heimstunden der HJ wie auch des BdM fanden im Gemeindehaus in einem Saal über dem Feuerwehrdepot oder im Freien im Panholz statt. Im Panholz sollte ein HJ-Heim errichtet werden, die Grundfesten standen schon, durch den Krieg war es jedoch nicht möglich, das Heim fertigzustellen.[17] Die Heimstunden waren meist Sonntag Vormittag. „Man hatte schon das Gefühl mit einer bestimmten Absicht“ [18] so der Kommentar einer Zeitzeugin, verhinderte der Besuch der Heimstunde doch den Kirchgang.

Trotz des Zwangs empfanden viele Jugendliche die Heimstunden durchaus als positiv, wurden doch schöne Feiern, Wandertage und Lager veranstaltet, auf die die Jugendlichen ohne Hitlerjugend wohl hätten verzichten müssen.

 

Zum Themenbereich HJ und Sport ein politisch vorsichtig formulierter Auszug aus der Festschrift zum 30-jährigen Bestehen des Union Sportvereins Altenfelden 1989 (Obermüller, S.10).

 

„1938 begann dann der damalige Volksschullehrer Erhard Brixel wiederum Freizeitsport für die Jugendlichen in Altenfelden zu organisieren.

Unter seiner Leitung wurde hauptsächlich Leichtathletik (Laufen, Hoch- und Weitsprung und Schlagball) betrieben. Als Sportstätte diente, soweit größenmäßig möglich, der Turnplatz der ehemaligen Volk-     schule in Altenfelden 50. Neben Leichtathletik wurde von ihm aber auch das Schifahren (unter anderem auf dem Höferfeld) und das Schwimmen (im Stausee Neufelden) gefördert. Seine Tätigkeit wurde dann   von Fritz Eder und später von Karl Zöchbauer im Rahmen der neu gegründeten Jugendorganisation bis 1944 weitergeführt. In dieser Zeit wurde in Altenfelden auch zum ersten Mal Fußball gespielt, und zwar auf der Ederschmiedwiese, die sich auf der rechten Seite des Güterwegs Atzesberg nach der Abzweigung         im Panholz befindet. Freundschaftsspiele gegen Plöcking und Neufelden wurden jedoch auswärts         ausgetragen. Im Sommer 1940 wurde von der Gemeinde Altenfelden unter Bürgermeister Furtmüller vom Besitzer   des Schloßgutes Marsbach, Herrn Ing. Norbert Mayer, im Panholz ein 5698 m² großes Grundstück zum Preis von 300 RM zur Errichtung eines Sportplatzes angekauft. Auch mit dem Bau einer     Sportkabine wurde begonnen. Die Fertigstellung wurde aber durch das Kriegsende 1945 verhindert. Nach dem Krieg wurde der Sportplatz aufgelassen und von der Gemeinde als Siedlungsgrund (heutige             Panholz-Siedlung) verkauft. Danach bestand für den Freizeitsport in Altenfelden wenig Zeit und Interesse, da natürlich der Wiederaufbau an erster Stelle stand.“

 

Die drei Säulen der Erziehung im NS-Staat waren neben Eltern und Schule die Hitlerjugend, so wollte sich der Staat den Einfluß auf die Jugendlichen sichern.


 

5. Schule:

 

 

Die schulische Laufbahn der meisten Altenfeldner ging nicht über die Volksschule hinaus. Die Wenigsten besuchten nach der Volksschule noch die Hauptschule oder Bürgerschule, wie sie damals hieß. Die Kinder wurden für die Arbeit zuhause benötigt, die Schulbücher waren teuer und der Schulweg meist beschwerlich. Der Anschluß bedeutete auch für den Schulalltag viele Neuerungen. Auf den Stundenplänen stand jetzt nicht mehr österreichische sondern deutsche Geschichte und Geografie. Das Schulgebet wurde mit Erlaß vom 25. März 1938 durch den Deutschen Gruß ersetzt (Wagner H., 1998, S. 432) und für das Schuljahr 38/39 wurden die Religionsstunden gekürzt. Das bedeutete für den Pfarrer eine Verringerung um insgesamt 9 Unterrichtsstunden pro Woche an der Volksschule Altenfelden (Pfarrchronik Altenfelden, 1938, S. 24). Schon in der Schule wurden die Kinder mit der NS-Ideologie vertraut gemacht, wollte man sie doch zu systemtreuen „Volksgenossen“ erziehen.

 

5.1 Volksschule Altenfelden:

Bericht aus den Mühlviertler Nachrichten vom 22. September 1938, Seite 7:

 

„…..(Schulbeginn) Lehrerschaft und Schuljugend von Altenfelden versammelten sich am 19. September zur feierlichen Flaggenhissung auf dem Turnplatz der Schule. In Wort und Lied wurde zur Verschönerung dieser Feierstunde beigetragen. Mit Beginn des neuen Schuljahres erhält Altenfelden eine 5. Klasse. An der Schule wirken: Oberlehrer Kainberger, die Lehrerinnen Eichenbaum und Kriechenbaum, die Lehrer Brixl und Ecker und als Handarbeitslehrerin Grete Radler.“

 

Die Volksschule stand unter der Leitung des Oberlehrers Kainberger. Kainberger war Organist der Pfarrkirche, er mußte auf Weisung der NSDAP sein Organistenamt zurücklegen. Nach dem Krieg verließ Kainberger Altenfelden und tauschte seine Stelle mit Herrn Direktor Jetschgo aus Sarleinsbach. Wie weit dieser Ortswechsel aus politischen Gründen erfolgte, lässt sich nicht genau sagen, den Zeitzeugen zufolge war Oberlehrer Kainberger jedoch kein besonderer Nazi. Seine Beamtenstelle erforderte jedoch eine gewisse Angepaßtheit, hing doch Kainbergers wirtschaftliche Existenz als Beamter an seiner Systemkonformität, schon Kleinigkeiten konnten seinen Posten gefährden. Anläßlich einer Weihnachtsfeier, organisiert von der Führerin der NS-Frauenschaft und Handarbeitslehrerin Grete Radler, sollte die Tochter des Oberlehrers Kainberger, Martha Kainberger, und die Tochter des Exbürgermeisters, Martha Kneidinger, ein Stück auf der Flöte zum Besten geben. Wie es aber bei jungen Mädchen schon vorkommen kann, bekamen beide einen Lachkrampf und konnten einfach nicht spielen. Schon dieses an sich harmlose und banale Ereignis löste bei Kainberger die Angst aus, er würde womöglich deshalb seine Stelle verlieren. Obwohl das Verhalten der beiden Mädchen selbstverständlich nicht politisch motiviert war.[19]

 

Eine andere markante Persönlichkeit war die schon oben erwähnte Handarbeitslehrerin, die Radler Greti, sie war eine Nationalsozialistin mit Herz und Seele, die sich und ihre Aufgaben in der NSDAP etwas zu wichtig nahm.[20] Von ihr wird erzählt, sie habe sich noch kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner im Mai 1945 den Gebrauch einer Panzerfaust erklären lassen.[21]

 

Auch die Lehrerin Eichenbaum, war eine überzeugte Nationalsozialistin, der Schustermeister Josef Aiglsdorfer einer ihrer ehemaliger Schüler erzählte, so unglaublich und absurd es klingen mag, die Lehrerin Eichbaum habe ihnen in der Schule erklärt, daß Hitler das Gras wachsen läßt.

 

Damals gab es in Altenfelden einen Ortsschulrat, dem wahrscheinlich wie in Arnreit, der Ortsgruppenleiter, der Bürgermeister, der Leiter der Schule wie auch der HJ-Führer angehörten.

 

Ab Oktober 1944 wurden im Gebäude der Volksschule ungarische Flüchtlinge (Siebenbürger) untergebracht. Nach dem Krieg beanspruchten die Amerikaner und später die Russen das Schulgebäude, bis im Jahr 1946 der Betrieb in der Schule wieder aufgenommen werden konnte. Von Oktober 1945 bis April 1946 wurde der Unterricht notdürftig bei Furtmüller in Mairhof abgehalten (Leibetseder J., 50 Jahre danach).

5.2 Bürgerschule:

Da damals der Besuch einer Hauptschule bzw. Bürgerschule noch nicht verpflichtend war, besuchten die meisten Altenfeldener Kinder die Volksschule bis zum Ablauf der Schulpflicht (15. Lebensjahr), es gab damals eine sogenannte Volksschul-Oberstufe. Aus den Jahrgängen 1926/27 besuchten nur vier die Bürgerschule.[22]

 

5.2.1 Privathauptschule Wöß:

Eine Alternative war damals, daß es neben dem Besuch der Bürgerschule in Rohrbach, der einzigen in der Umgebung, noch die Möglichkeit gab, in Neufelden bei der Handarbeits-     lehrerin Wöß Privatunterricht zu nehmen. 2 x 2 Stunden pro Woche fanden sich die Schüler bei Frau Wöß nach den Volksschulstunden ein. Sie mußten am Ende des Jahres ihre Prüfungen zuerst in Linz, dann in Rohrbach ablegen. Die Handarbeitslehrerin Wöß aus Neufelden war eine offene Nazigegnerin, sie war eine jener Personen, die bei der Wahl vom 10. April 38 mit Nein gestimmt hatten.[23] Dazu ein Beitrag aus den Mühlviertler Nachrichten (1938, Nr. 15, S. 16):

 

„Neufelden. (Versetzung). Die hies. Handarbeitslehrerin Frau Friederike Wöß-Prenner wurde nach     Pfarrkirchen versetzt. An ihre Stelle kommt als Handarbeitslehrerin Frl. Naderer, bisher in Pfarrkirchen, an unsere Schule.“

 

Der Unterricht bei Frau Wöß war privat und mußte daher bezahlt werden, jedoch dürften die Kosten nicht all zu hoch gewesen sein.[24]

 

 

5.2.2 Bürgerschule Rohrbach:

Gegen Ende der NS-Zeit wurde es in Altenfelden zunehmend üblich, die Bürgerschule zu besuchen. Die Schüler fuhren nicht wie heute täglich mit dem Bus nach Rohrbach und zurück, sie waren in Rohrbach untergebracht und kamen erst am Wochenende wieder nach Hause.[25]

Erwähnenswert erscheint mir noch die Geschichte der Frau Martha Wagner, geborene Kneidinger, die nach Beendigung der Bürgerschule die Laufbahn einer Lehrerin einschlagen wollte. Um für die Ausbildung einer Lehrerin zugelassen zu werden, war es erforderlich, zuerst ein Lager zu besuchen, dessen Zweck es war, die am besten Geigneten herauszufiltern, aber Martha Kneidinger durfte nicht einmal am Lager teilnehmen. Eine Person mit einem Bruder im KZ und einem Vater, der bei der Vaterländischen Front war, konnte man ja wohl schlecht auf kleine deutsche Kinder loslassen.[26]


 

6. Landwirtschaft:

 

6.1. Umschuldung:

Der Anschluß brachte für viele Bauern große Erleichterung. Die schlechte wirtschaftliche Situation vor dem Anschluß hatte dazu geführt, daß die meisten Bauern hoch verschuldet waren. Die Aktion der Umschuldung sorgte dafür, daß den Bauern Schulden nachgelassen oder ganz erlassen wurden. In den Genuß der Umschuldung kam fast jeder Bauer, es sei denn, es wurde ihm grobe Fahrlässigkeit im Umgang mit Geld vorgeworfen oder man hielt ihn nicht für befähigt, einen Hof zu führen, wie das zum Beispiel bei einem Altenfeldner Bauern der Fall war, er war Alkoholiker.[27]

 

Nach dem Anschluß kam es in Österreich zu einer mit aller Kraft vorangetriebenen             Produktionssteigerung in der Landwirtschaft. Ziel war es, am Ernährungssektor einen       höchstmöglichen Selbstversorgungsgrad zu erreichen, um sich dadurch außenpolitische Handlungsfreiheit zu sichern. Mit dem Ziel der Produktionssteigerung war unmittelbar nach dem Anschluß eine Phase der Aufwärtsentwicklung in der österreichischen Landwirtschaft verbunden. Dieser Aufschwung wurde durch großzügige Hilfsmaßnahmen ermöglicht, wie z.B. Senkung der Düngemittelpreise, Kredite zur Düngemittelbeschaffung, Förderungen für den Bau von Silos und Rinderställen usw. Außerdem verpflichtete sich Deutschland, gewisse Mengen an Schlachtrindern, Nutzochsen , Käse und Butter abzunehmen. Diese Aufwärtsentwicklung, nach Jahren der Absatzkrise in der Landwirtschaft wurde jedoch bald durch   den Kriegsausbruch wieder zunichte gemacht (Hoffmann, 1974, S.185, S.188).

 

6.2. Der Reichsnährstand:

Der Reichsnährstand vereinigte in sich die landwirtschaftliche Produktion, die Verarbeitung und die Ernährung an sich. Der Weg vom bäuerlichen Hof bis zum fertigen Lebensmittel im Laden war durch den Reichsnährstand umfassend geregelt. Der Reichsnährstand war so organisiert, daß der Übergang von der Friedenswirtschaft zur Kriegsernährungswirtschaft problemlos vor sich gehen konnte (Hoffmann, 1974, S.185). Der straffen Organisation ist es auch zu verdanken, daß es in Altenfelden nicht wie im 1. Weltkrieg zu Problemen mit der Lebensmittelversorgung kam. Niemand mußte in Altenfelden während des Krieges Hunger leiden, erst nach dem Krieg, als der Reichsnährstand zu funktionieren aufhörte, verschlechterte sich die Situation und erst dann kamen die Hamsterer aus den Städten.[28] Hamstern war vor Kriegsende strengstens verboten gewesen. Der Reichsnährstand war im Ort durch die Orts-   bauernschaft vertreten, an der Spitze der Ortsbauernschaft stand der Ortsbauernführer, dieses Amt bekleidete in Altenfelden der Bürgermeister Furtmüller.

 

Frau Zöchbauer, „die Bäuerin im Ort“, war Ortsbäuerin und sogar Kreisbäuerin.

Sie gab das Wissen, das sie sich bei zahlreichen Schulungen aneignete, den Bäuerinnen des Ortes und des Kreises weiter. Frau Zöchbauer sympathisierte zwar mit den Nationalsozialisten war aber selbst kein Mitglied der NSDAP.[29]

 

Die Beziehung des Nationalsozialismus zum Bauerntum war aber nicht nur durch dessen wirtschaftliche Funktion geprägt, sondern auch durch die vom Nationalsozialismus propagierte „Blut und Boden“-Ideologie. Der Bauer sollte mit seiner Heimat untrennbar verbunden sein, im Bauernstand sah man den „Blutsquell“ für ein gesundes Volkstum. Um dies zu gewährleisten, wurde am 1. August des Jahres 1938 das Reichserbhofgesetz in der Ostmark eingeführt, die Erbteilung sollte dadurch verhindert, und Höfe in lebensfähiger Größe geschaffen werden (Hoffmann, 1974, S.187).

 

6.3. Bewirtschaftungs- und Ablieferungspflicht:

Mit der Verordnung über die öffentliche Bewirtschaftung vom 27. August 1939 stellte die Landwirtschaft des deutschen Reiches auf Kriegsernährungswirtschaft um. Das heißt, die   Bauern waren von nun an einer strengen staatlichen Abgabepflicht ihrer landwirtschaftlichen Produkte unterworfen. Sämtliche landwirtschaftliche Erzeugnisse mußten abgegeben werden, ausgenommen davon war eine bestimmte den Einwohnern des Hofes zugestandene Lebensmittelration zur Selbsterhaltung und bestimmte Mengen an Futtermittel und Saatgut.           Berechnungsgrundlage für die abzuliefernde Menge war die Hofkarte, die auf der Kreisbauernschaft auflag. Die Hofkarte enthielt sämtliche Information zum bäuerlichen Betrieb. Für gewöhnlich betrug das Ablieferungskontingent bei Weizen und Roggen 800 bis 1000 kg pro ha, bei Hafer und Gerste 400 bis 600 kg pro ha (Hoffmann, 1974, S.189). Hauptsächlich dürften in Altenfelden Erdäpfel angepflanzt worden sein, es gab sogar Prämien dafür, wenn anstatt Hopfen Erdäpfel gepflanzt wurden, war doch Hopfen kriegswirtschaftlich unwichtig.[30] Die Ortsbauernschaften hatten ein gewisses Kontingent an Vieh abzuliefern, dieses wurde von der Ortsbauernschaft auf die einzelnen Höfe verteilt. Aber auch alle Milch mußte abgegeben werden, sämtliche Milch wurde auf Grund des Fettmangels zur Buttererzeugung verwendet und die Buttererzeugung zuhause am Hof war strafbar. Um der heimlichen Buttererzeugung vorzubeugen, wurden die Butterfässer beschlagnahmt. Das erste, was Frauen aus Fraunschlag unmittelbar nach Kriegsende machten, war, daß sie nach Altenfelden gingen und sich dort ihre Butterfässer abholten. Es gab Kontrollore, die alle Höfe inspizierten, in Haselbach war ein nicht aus der Gemeinde stammender Mann Kontrollor, er machte sich bei den Bauern unbeliebt, da er ihrem Empfinden nach zu kleinlich war.[31] In Hühnergeschrei und Stierberg waren der Schustermeister Aiglsdorfer und Ing. Holzhauser Kontrollore.[32] Wer die Forderungen des Reichsnährstandes nicht erfüllte, oder beim Versuch, etwas zu seinem Vorteil abzuzweigen, ertappt wurde, hatte mit strengen Strafen zu rechnen. Eine Altenfeldnerin, eine gewisse Frau Lang, wurde dabei erwischt, als sie eine sogenannte „schwarze Sau“ verschwinden lassen wollte, zur Strafe wurde sie zu Zwangsarbeit auf einem in der Nähe von Eferding gelegenen Hof verdonnert. Auch ein Altenfeldner Original, der Sagerer Wastl, wurde mit einer „schwarzen Sau“ erwischt, ihm wurde der Prozeß am Landesgericht Linz gemacht. Eine besonders amüsante Geschichte ist die der beiden Altenfeldner Schmiede Hirsch und Eder, die beiden tauschten untereinander Lebensmittel aus, so ließen sich die Behörden leichter täuschen, eines Tages kam es aber dazu, daß einer der beiden eine Sau abgab, die in zwei Hälften geteilt war, komischerweise war am Ende beider Hälften ein Schwanz.[33]

 

Der durch den Krieg bewirkte Arbeitskräftemangel führte zu einer zunehmenden Mechanisierung in der Landwirtschaft.

 

„Altenfelden….Viele landwirtschaftliche Maschinen erleichterten die Arbeit und ersetzten die knappen Arbeitskräfte. Die Nachfrage nach Maschinen ist so groß, daß die Lieferanten nicht nachkommen können.“ (Scherbaum, 1941, Nr.4, S.19)

 

„Altenfelden (Ankauf landwirtschaftlicher Maschinen.) Wie die Ortsbauernschaft Altenfelden berichtet,     haben dort die Druschgenossenschaften Blumau-Altenfelden sowie Diese-Arnreit je eine kombinierte Strohpresse mit Streuschneideapparat angekauft, was eine besondere Erleichterung des Drusches            bedeutet.“ (Heimatblatt, 1939, Nr.3)

 

Auch die Anschaffung des ersten Altenfeldner Traktors durch den „Moar z’Blumau“ fällt in die Zeit der NS Herrschaft (Katzinger, 1978, S.53). Aber nicht nur Arbeitskräfte waren rar, auch Pferde wurden eingezogen. Für die Pferde wurden eigene Musterungen in Neufelden abgehalten, von dort wurden die Pferde mit dem Zug weiter nach Linz transportiert.

Auf das Thema Fremdarbeiter wird im folgenden Kapitel eingegangen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7. Wirtschaft und Soziales:

 

Durch den Anschluß verbesserte sich die wirtschaftliche Situation in Österreich zunächst wesentlich. Verantwortlich dafür waren die Förderung der Wirtschaft durch öffentliche Aufträge und der herrschende Optimismus. Aber nicht nur die wirtschaftliche Situation vieler gewerblicher Betriebe besserte sich, sondern auch die des „kleinen Mannes“. Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, die Entschuldung der Bauern und die Einführung zahlreicher Beihilfen und Förderungen besserte die Lage des Bauern, Arbeiters und Angestellten wesentlich, so daß die NSDAP viele Menschen für sich gewinnen konnte. Diese Zeit des Aufschwungs hielt aber nicht lange an, der Krieg machte alles zunichte.

 

7.1. Arbeitslosigkeit:

Es gelang den Nationalsozialisten innerhalb kürzester Zeit, die Arbeitslosigkeit praktisch auf Null zu drücken, die Arbeitslosen fanden Arbeit bei staatlichen Firmen und Projekten, bei Post und Bahn, aber auch die Gemeinden waren mancherorts in der Lage, Arbeiter einzustellen. Geld und Wirtschaftlichkeit spielten dabei eine untergeordnete Rolle, die Menschen sollten zufrieden gestellt werden. Durch öffentliche Aufträge aus dem Rüstungsbereich konnten auch in der freien Wirtschaft Arbeitsplätze geschaffen werden. In Rohrbach wurde ein Arbeitsamt eingerichtet, die dort vermittelten Stellen waren so attraktiv, daß man schon im April 1938, in der Landwirtschaft tätige Arbeitnehmer davor warnte, ihre Stellen zu kündigen, um eine Anstellung im Gewerbe oder in der Industrie zu finden (Mühlviertler Nachrichten, Nr. 14, S.17).

Mit der Beseitung der Arbeitslosigkeit war das größte Problem der 1. Republik gelöst.

 

7.2. Sozialleistungen

Ab dem 1. April wurden auch in Österreich das Ehestandsdarlehen in der Höhe von 1500 Schilling, die Kinderbeihilfe und die Ausbildungsbeihilfe eingeführt, hatten doch Ehe und Familie einen besonderen Stellenwert in der NS-Ideologie.

Diese Maßnahmen führten zu einer spürbaren Besserung der sozialen Lage und bestärkte die Menschen im Glauben an das NS-Regime. Dazu ein Auszug aus dem „Heimatblatt“:

 

„Altenfelden…Ein ungewohntes, erfreuliches Bild bietet sich einem, wenn man das Einkaufen der                 armen Familien, ermöglicht durch die Gewährung der Kinderbeihilfe, miterleben darf. Manche Ehe,       die schon vor 10 oder gar 15 Jahren geschlossen wurde, wird jetzt erst ausgestattet. Fast zaghaft und     doch so überaus glücklich wird eingekauft. Oft braucht man sogar ein Wägelchen, um die                             erstandenen Schätze heimzubringen. Freudig und dankbar klingt dann der Gruß „Heil Hitler“.“ (Heimatblatt, 1938, Nr.17, S.4)

 

Der Anschluß brachte es mit sich, daß die Reichsmark zur neuen Währung wurde. Der       wirtschaftliche Anschluß gestaltete sich nicht einfach, war doch das Wirtschaftssystem des Deutschen Reiches und das Österreichs sehr verschieden. Eine Mark entsprach einem       Schilling und 50 Groschen, durch diesen Umwechslungskurs gelang es, das Lohnniveau Österreichs und des Altreichs einander anzugleichen. Die Preisniveaus waren jedoch noch sehr verschieden, so wurden in einer Übergangszeit immer noch Zölle zwischen dem Altreich und Österreich eingehoben, um die österreichische Wirtschaft vor billigeren Produkten aus dem Altreich zu schützen. Ein gängiges Werbemittel war es damals, Produkte zu „Altreichspreisen“ anzubieten.

 

7.3. Gewerbebetriebe:

Der Lage der Gemeinde Altenfelden, zwischen Kleiner Mühl und Großer Mühl, ist es zu verdanken, daß sich im vorigen Jahrhundert an eben diesen Flüssen Papierfabriken ansiedelten, sie bildeten einen Kontrast zum landwirtschaftlich dominierten Altenfelden. Zum einen war da die Papierfabrik Obermühl, die ans Gemeindegebiet angrenzt, und die kleineren Pappen- fabriken Pürnstein und Doppl.

 

7.3.1 Die Papierfabrik Obermühl und die Pappenfabriken Pürnstein und Doppl

Beim Anschluß war die Papierfabrik Eigentum der Länderbank, durch den Anschluß wurde die Länderbank der Dresdner Bank einverleibt. Damals gab es Pläne, die Papiererzeugung einzustellen, doch da es keinen Industriezweig gab, der für Obermühl geeigneter gewesen wäre als die Holzstoff- und Papiererzeugung, ging man davon ab. Gründe für den Weiterbestand waren außerdem die wirtschaftliche Bedeutung von ungefähr 300 Arbeitern, die insgesamt 400.000 Reichsmark an Löhnen jährlich in der Umgebung ausgeben konnten, sowie die durch die Einstellung des Betriebs zu erwartende Arbeitslosigkeit. Ein Großteil der Beschäftigten waren ausschließlich Arbeiter, sie besaßen keinen landwirtschaftlichen Zuerwerb.

Die Papierfabrik wurde im Oktober 1940 an den Reichsfinanzminister a. D. Dr. Peter         Reinhold-Berlin zum Preis von 600 000 RM verkauft, dieser kaufte zur selben Zeit auch das Schloß Rannariedel. Dr. Reinhold-Berlin war letzter Besitzer einer der ersten Papierfabriken Deutschlands, der Papierfabrik Cröllwitz bei Halle, gewesen, bevor diese ihren Betrieb einstellte. Aus gegebenem Anlaß wurde nun die Papierfabrik Obermühl in „Papierfabrik Cröllwitz-Obermühl Ges. m. b. H.“ umbenannt. Der Besitzer hatte nach Obermühl einige seiner ehemaligen Mitarbeiter mitgenommen, von denen die meisten nach Kriegsende wieder nach Deutschland zurück kehrten. In den Kriegsjahren waren es Engländer, Kanadier, Franzosen und in den letzten Jahren Russen, die wegen des Arbeitskräftemangels in der Papierfabrik Zwangsarbeit leisteten.

Auf Grund der Potsdamer Beschlüsse wurde die Fabrik Cröllwitz-Obermühl als Besitz eines deutschen Staatsbürgers im Jahre 1946 in den sowjetischen USIA Konzern eingegliedert und kam nach dem Staatsvertrag vom 15. Mai. 1955 wieder an die Besitzerfamilie Reinhold       zurück (Zeman, 1957, S.230-233).

 

„Obermühl. (Volksspende.) Anläßlich der Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich       spendet die Papierfabrik Obermühl ihrer Gefolgschaft einen Betrag von 6565 S als Freudenspende.           10 Prozent von diesem Betrag, das sind 656 S, zeichnete die Gefolgschaft spontan für die       „Volksspende“. An der Volksspende beteiligte sich außerdem unser Betriebsführer Herr Direktor               Nemeth mit 150 S.“ (Mühlviertler Nachrichten, 1938, Nr.15, S.5)

 

Wesentlich kleiner, was die Zahl der Beschäftigten betrifft, war die Pappenfabrik Pürnstein. Im Jahre 1931 war sie in den Besitz des Bürgermeisters Kneidinger und dessen Schwager, Rauchfangkehrermeister Kaiser aus Bleiberg, gekommen. Die Weltwirtschaftskrise machte dem Betrieb große Schwierigkeiten, sank doch der Preis für Pappe, die man in Pürnstein aus dem teurer gewordenen Altpapier herstellte. Mit Kriegsbeginn wurde dann die       Arbeit in der Pappenfabrik eingestellt und das Fabriksgebäude fungierte nur noch als Lagerhalle für bombengefährdete Linzer Firmen. Im Jahre 1942 schied Kaiser als Mitbesitzer aus. In die Kriegszeit fällt auch die Installation der ersten 80 PS Turbine (Kneidinger, 1978, S.87).

 

Auf die Pappenfabrik Doppl, die im Besitz eines Linzer Judens namens Frommherz war, wird im Kapitel „Rassenwahn“ eingegangen, zumal sich dort ein „Umerziehungslager für arbeitsungewohnte Juden“ befand.

 

Ein weitere Betrieb mit regionaler wirtschaftlicher Bedeutung war mit seinen damals rund 20 Beschäftigten die Landmaschinenwerkstätte Kneidinger in Hühnergeschrei. Der Betrieb wurde nach dem Anschluß vom ehemaligen Bürgermeister Johann Kneidinger an seinen Sohn Johann Kneidinger jun. übergeben. Die Bedeutung des Betriebes lag nicht allein in der Notwendigkeit einer Landmaschinenwerkstätte für eine gesteigerte landwirtschaftliche Produktion im Krieg, sondern es wurden auch Umbauten an PKWs für die Wehrmacht vorgenommen. Deshalb arbeitete in Hühnergeschrei ein ganzer Trupp von „Fremdarbeitern“, darunter ein französischer Priester.

Der Chef, Johann Kneidinger jun., und zeitweise auch manche Mitarbeiter waren deshalb   „UK“ gestellt, das heißt, sie waren „UnabKömmlich“ und konnten nicht eingezogen werden. UK gestellt wurden alle Altenfeldner, deren Arbeit für die Versorgung der Altenfeldner unentbehrlich war oder die in irgendeiner Weise für die Wehrmacht arbeiteten.

In Altenfelden z.B. war der Schmiedemeister Hirsch UK gestellt aber auch der Wirt Schneeberger wegen seiner Pferdezucht und der Bäckermeister Wolfmayer, weil er für die Versorgung des Lagers Doppl und später für die der Radarstation Frauenschlag notwendig war. Aber auch einige Bauern waren UK gestellt. Gegen Ende des Krieges wurden diese UK-Stellungen zunehmend weniger, als Arbeitskräfte in Gewerbe und Landwirtschaft kamen jetzt Fremdarbeiter aus allen Teilen Europas nach Altenfelden.[34]

 

7.4. Fremdarbeiter:

Den Kriegsverlauf entsprechend kamen zuerst Polen, Franzosen und dann Russen und Ukrainer als Fremdarbeiter nach Altenfelden. Die Fremdarbeiter wurden den Bauern durch den Ortsbauernführer zugewiesen. Man unterschied bei den „Fremdarbeitern“ zwischen Kriegsgefangenen und Hiwis, Hiwi steht für HIlfsfreiWIlliger. Wie weit diese hilfsfreiwilligen Männer und Frauen tatsächlich freiwillig kamen, ist natürlich die Frage. Aus dem Osten stammende Fremdarbeiter dürften sich schon eine Besserung ihrer Lebensituation durch den Arbeitseinsatz im Deutschen Reich erhofft haben, zumal im Heimatland katastrophale Bedingungen herrschten. Tatsächlich soll es den Fremdarbeitern und Fremdarbeiterinnen bei den Alten-   feldener Bauern nicht schlecht gegangen sein. Sie waren meistens richtig in die Hausgemeinschaft integriert, was die NSDAP allerdings gar nicht so gerne sah. Nach Kriegsende, als dann im August die Russen nach Altenfelden kamen, erging es den Hilfsfreiwilligen aus dem Osten schlecht, sie wurden von den Sowjets als Kollaborateure in Arbeitslager gebracht. Ein     ukrainisches Mädchen, das in der Ortschaft Atzesberg bei der Familie Hauder gearbeitet hatte, soll angeblich von einem Kriegsgefangenen aus Altenfelden in einem sibirischen Arbeitslager wiedergetroffen worden sein und schwärmerisch von ihrer Zeit in Altenfelden erzählt haben.[35] Auch der oben erwähnte Priester aus Frankreich, der im Landmaschinenbetrieb Kneidinger arbeitetete, blieb noch jahrelang in Briefkontakt mit Altenfelden.[36] Nicht nur Freundschaften sondern auch einige Liebschaften entwickelten sich zwischen Fremdarbeitern und Alten-   feldenern, diese waren natürlich durch den kriegsbedingten Mangel an Männern begünstigt. Diese Liebesverhältnisse waren manchmal fruchtbar waren und hinterließen ihre lebenden       Beweise in Altenfelden, obwohl sie von Seiten der Nationalsozialisten strikt verboten waren. Den menschenverachtenden Umgang vieler Nationalsozialisten mit dieser Problematik, von der man als Rassenschande sprach, hatte ein aus Altenfelden stammendes Mädchen, das damals Magd in St.Ulrich war, am eigenen Leibe erleben müssen.[37]

Ein Schreiben von der Oberstaatsanwaltschaft Beim LG Linz an die Generalstaatsanwaltschaft beim OLG Linz:

 

„Am 15.11. 1941 erfuhr Franz Stadlbauer, Zellenleiter der NSDAP in St. Ulrich, Kreis Rohrbach, und Bürgermeister dieser Gemeinde, daß die am 29.10.1919 in St. Johann geborene Maria Stürmer, Magd in Pehersdorf, sich mit einem fanzösischen Kriegsgefangenen in geschlechtlichen Verkehr eingelassen hat. Er teilte diese Tatsache sofort dem Ortsgruppenleiter von Neufelden, Kreis Rohrbach, namens Alois Rachinger mit. Da an diesem Tage in Neufelden eine Kundgebung der NSDAP stattfand, zu welcher sich der Gauredner der NSDAP, Willhelm Reisinger aus Linz, Museumstraße 3, sowie Fritz Fischer, Organisations- und Schulungsleiter des Kreises Rohrbach der NSDAP, eingefunden hatten, besprach Alois Rachinger den Vorfall mit diesem und entschloß sich nach Gutheißung seiner Absicht durch die Genannten, eine Anprangerung der Maria Stürmer durchzuführen. Der Wortlaut des von dieser bei der Anprangerung zu tragenden Plakates: „Während unsere Brüder und Väter um Deutschlands Freiheit und Ehre kämpfen küsse und umarme ich Schwein hier Kriegsgefangene“ wurde gemeinschaftlich von Wilhelm Reininger und Alois Rachinger verfaßt. /…/

Den 16.11.1941 um ungefähr 7.30 Uhr morgens wurden ihr über Auftrag des Karl Lugmayr /Ortsgruppenleiter von St . Peter/ zwei Tafeln mit der bereits angeführten Aufschrift dergestalt umgehängt, daß eine Tafel vor ihrer Brust und die zweite an ihrem Rücken hing. Sodann wurde sie von den SA-Männern Karl Wakolbinger und Adolf Oberleitner, durch ungefähr 30 Minuten im Ort St. Peter herumgeführt und nach Rückkehr in die Ortsgruppenkanzlei von dem Letztgenannten mittels Pferdefuhrwek nach Neufelden überstellt. /…/

Nach ihrem Eintreffen in Neufelden wurde sie über Auftrag des Alois Rachinger von den SA-Männern Adolf Oberleitner und Karl Unter auf den Marktplatz von Neufelden geführt. Nachem sie, mit den Tafeln versehen, auf einem Sessel gestellt worden war, schor ihr über Auftrag des Ortsgruppenleiters Alois Rachinger die Friseurin Maria Böck die Haare vollständig ab. Hierbei hielt Alois Rachinger eine Ansprache, in welcher er auf das Verwerfliche der Handlungsweise der Angeprangerten hinwies. Nach dieser Ansprache wurde Maria Stürmer noch einige Zeit durch den Ort geführt und schließlich in das Ortsgefängnis gebracht und der Gendarmerie übergeben. (DÖW, 1982, Bd. 2, S.479-480)

 

Der Legionär und Nationalsozialist Magauer verurteilte das Handeln der Neufeldner Nationalsozialisten und sagte dem beteiligten SA-Mann Adolf Oberleitner, daß sie damit einen Fehler gemacht hätten.[38]

 

7.5. Lebensmittel- und Güterversorgungslage:

Die Versorgung mit Lebensmitteln in Altenfelden war unproblematisch, zu den selbst           erzeugten Nahrungsmitteln wurden Lebensmittelkarten verteilt, mit denen man sich im Kaufhaus List oder Wöß mit den zugewiesenen Lebensmitteln eindecken konnte.[39] Anders war es bei Seife und weiteren Gebrauchsgegenständen des Alltags, damit hieß es sparsam umgehen.

 

 

 

 

 

 

8. Rassenwahn:

 

Schon in der ersten Ausgabe der Mühlviertler Nachrichten nach dem Anschluß offenbarte sich der Rassenwahn der Nationalsozialisten.

 

„Wie die Polizeidirektion Linz mitteilt, wurden am 13. und 14. März nachfolgende Linzer Juden wegen volksschädigender Betätigung in Haft genommen: …..

Das Tragen von Hakenkreuzen und Parteiabzeichen ist nur deutschen Volksgenossen vorbehalten. Jeder Andersrassige, der Hakenkreuze tragen sollte, hat Unannehmlichkeiten zu gewärtigen.“ (Mühlviertler Nachrichten , 1938, Nr. 11, S.5)

 

8.1 Der Ariernachweis:

Dem Rassenwahn der Nationalsozialisten ist die Forderung zu verdanken, einen Arier-       nachweis zu erbringen, hierzu die Pfarrchronik Altenfelden:

 

„Mit dem Anschluß an Deutschland kam sogleich auch ein wahrer Ansturm auf die Matrikenämter.       Alle Angestellten haben den Beweis der Deutschblütigkeit zu erbringen. Zählte das hiesige Pfarramt im Vorjahr 534 ausgegebene Aktenstücke, so steht die Geschäftszahl Mitte Mai bei 950!“ (Pfarrchronik, 1938, S.21)

 

8.2 Das Umerziehungslager Doppl:

Vom Sommer 1940 bis September 1942 existierte in Doppl ein „Umerziehungslager für     arbeitsungewohnte Juden“

 

„Altenfelden (Todesfall) Am 29. April [1938] starb in Altenfelden Herr Friedrich Wilhelm Frommherz, Fabrikbesitzer, im 78. Lebensjahre. Das Begräbnis fand Montag nachmittags am Linzer Friedhof statt.“(Mühlviertler Nachrichten, 1938, Nr.18)

 

Seit 1886 war F. W. Frommherz, ein Jude, Besitzer der Pappenfabrik Doppl. Er vererbte die Fabrik seiner Enkeltocher Frau Maria Mösenbacher. Frau Maria Mösenbacher lebte schon längere Zeit vor Frommherzs Tod im Wohngebäude der Pappenfabrik.[40] Im Juli 1939 wurde die Fabrik von Frau Mösenbacher um 180 000 RM an den „Auswanderungsfond Wien“ verkauft, den Kaufvertrag unterzeichnete ein gewisser SS Obersturmführer Dkfm. Fritz Kraus (Grundbuch Rohrbach, Akt.Nr. 276/39). Der Auswanderungsfonds war ein Fonds der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien. Die Gelder des Fonds wurden durch Enteignung wohlhabender Juden aufgebracht und von der SS verwaltet. Mit Hilfe des Fonds sollte die Auswanderung möglichst vieler Juden finanziert werden, aber auch die SS beteiligte sich am Gewinn der Geschäfte.[41] Bevor man sich entschloß, die Judenfrage durch die Vernichtung aller Juden zu lösen, versuchte man, möglichst viele Juden zur Auswanderung zu bewegen.

Anfang Sommer 1940 erging der Auftrag der Zentralstelle für jüdische Auswanderung an Aron Menczer, den Leiter der zionistischen (Zionisten = Vertreter eines eigenen Judenstaats in Palästina) Jugendorganisation (Jugendalijah), er solle eine 50 Mann starke Truppe für einen 3-monatigen Arbeitseinsatz zusammenstellen (Yad Vashem, Israel, Akt.Nr. Y.V. 030-62).   200 jüdische Burschen stellten sich freiwillig, es wurden die 120 kräftigsten Burschen von SS-Mann Alois Brunner (Personenhinweis später) ausgewählt und in weiterer Folge in die Arbeitslager Waidhofen an der Ybbs und Doppl überstellt (Rosenkranz, 1978, S.).               Die Jugendalijah war eine zionistische Organisation, die sich um das Wohl der jüdischen   Jugendlichen im nationalsozialistischen Wien kümmerte. Da viele jüdische Jugendliche auf Grund des herrschenden Rassenwahns elternlos und ohne Beschäftigung waren, betrieb die Jugendalijah behelfsmäßige Schulen und Werkstätten, in denen jüdische Jugendliche Zuflucht fanden, außerdem wurden die Jugendlichen dort mit den zionistischen Ideen bekannt gemacht.

 

„Niemand wußte, was uns eigentlich erwartete. Zuvor hatte man uns in zwei Gruppen eingeteilt, eine davon war für das Arbeitslager Waidhofen a. d. Ybbs bestimmt, die andere für Doppl bei Altenfelden bei Linz. Ich befand mich unter den letztgenannten Gruppe. Die Fahrt verlief in bester Stimmung und wir glaubten, daß wir eine schöne . . . „Hachscharah“ . . . verbringen werden . . . In Doppl angelangt, empfing uns der SS-Mann Slawik. Er versprach, uns die „Wadeln“ ordentlich nach vorne zu richten, wenn wir der           Meinung seien, daß wir in ein Sanatorium kämen . . . Um fünf Uhr morgens war Wecken, eine schwarze Brühe oder auch Kaffee genannt und eine dünne Scheibe Brot erhielten wir zum Frühstück und           gleich ging es an die Arbeit. Zwölf Stunden lang mußten wir in glühender Sonnenhitze beim Straßen-     bau arbeiten, mittags nur kurze Rast, Schlangenfraß als Essen vorgesetzt, nur kurze Rast und dann ohne Unterbrechung weiter.“ (Rosenkranz, 1978, S.246)

 

Die Jugendalijah war in Doppl nicht die einzige Gruppe, sondern ,so Dr. Johny Moser aus Wien, ein Fachmann auf dem Gebiet des Holocaust, Juden verschiedensten Alters und Berufstands, die bei anderen Arbeitseinsätzen nicht untergebracht werden konnten, kamen hierher. Auch aus den Berichten der anderen Befragten geht hervor, daß die Juden in Doppl verschiedensten Alters waren. Sie waren nicht im Gebäude der Pappenfabrik untergebracht sondern in der sogenannten Dopplmühle, einige hundert Meter flußaufwärts (an der Brücke nach Tannberg, heute Schürz). Im Lager gab es einen jüdischen Lagerkoch, der oft mit einem großen Rucksack am Rücken nach Altenfelden ging, um einzukaufen.[42]

Die Juden arbeiteten in der Pappenfabrik, wurden aber auch für Forstarbeiten und den Wegebau eingesetzt. Zeitweise dürften die Juden im heutigen Wildpark bei Forstarbeiten am Hang zur Großen Mühl eingesetzt worden sein, auch die Aufforstung eines Teils des zur Pappen-   fabrik gehörenden Waldes geht auf sie zurück.

Anfangs war SS-Mann Alfred Slavik Lagerleiter, er dürfte vom SS-Unterscharführer Josef Weizl abgelöst worden sein.

 

 

Am selben Abend meldet der jüdische Lagerarzt einen Leistenbruch des 16jährigen, Slavik will ihm allerdings nicht glauben, und es wurde der „arische“ Lembacher Arzt geholt, der den Jungen sofort nach Wien zur Operation entläßt. Die Operation konnte allerdings nicht durchgeführt werden, da die rein jüdischen Spitäler bis zu einem Jahr ausgebucht waren (Rosenkranz, 1978, S.247)

Über den Lagerleiter Weizel ein Auszug aus der Fernsehsendung des WRD „Die Akte Brunner“, die am 9.12.1998 auf ARD ausgestrahlt wurde:

 

Bericht eines Juden aus dem Jahre 1946:

„Juni bis Dezember 1941 war ich in Doppl interniert, einmal nach seinem Urlaub ließ Weizel uns zum       Appell zusammenrufen, er stieg auf einen Tisch zeigte uns seine Reitpeitsche und sagte uns wortwörtlich „das habe ich euch aus Wien mitgebracht!“ Noch am selben Abend hat er einen 14jährigen Jungen         derart geschlagen, daß er blutüberströmt liegen blieb.“

Weizel äußerte sich nach dem Krieg so:

“ Ich bekenne mich in keiner Weise schuldig, ich habe nur meine Pflicht getan und nicht mehr, bei             Aushebungen von Juden ist es jedoch vorgekommen, daß Juden in ihrer sicherlich begreiflichen Auf-               regung gegen mich tätlich geworden sind, in einem solchen Fall habe ich meinerseits zugeschlagen.“

 

der Bericht des Juden geht weiter:

„Der unter Bluthund bei uns bekannte Weizel trieb uns niemals anders als mit der Reitpeitsche zur Arbeit an, ja selbst die Fieberkranken wurden mit der Peitsche aus den Betten geholt. Einem älteren Juden     schlug er mit einem Krampen so auf den Nacken, daß er ihm die Schlagader verletzte, er war als der   größte Schläger und Sadist bekannt und hat dies auch bei jeder Gelegenheit bewiesen.“

 

Nach Weizel dürfte dann SS Hauptsturmführer Bergl Lagerleiter geworden sein, er und seine 3 Kinder hatten am naheliegenden Leitenbauerngut ein ganzes Stockwerk gemietet. Bergl kam aus Berlin, er war groß und vollschlank. Dem Leitenbauer stellte er des öfteren Juden zur Arbeit in der Landwirtschaft zur Verfügung, auch er dürfte die Peitsche des öfteren eingesetzt haben.[43] Frau Pühringer erinnert sich daran, daß Bergl vom Chef der Zentralstelle für jüdische Auswanderung Wien, Adolf Eichmann, besucht wurde. Auch Karl Zöchbauer kann sich an ein Treffen mit Eichmann erinnern. Eichmann war einer der Haupverantwortlichen des Holocaust, er wurde nach seiner Tätigkeit in Österreich, höchster Beamter in der Vernichtungsmaschinerie des 3. Reiches. Eichmann war Teilnehmer der „Wannsee Konferenz“ (bei der Wannsee Konferenz, 20.1.1942, wurde die systematische Vernichtung der Juden beschlossen). Im Jahr 1960 wurde er von israelischen Geheimagenten aus Argentinien, wohin er nach dem Krieg geflohen war, nach Israel entführt, dort wurde er zwei Jahre später nach einem spektakulären Prozeß wegen Verbrechens am jüdischen Volk und an der Menschlichkeit zum Tode verurteilt, hingerichtet und seine Asche über dem Meer verstreut.

Eichmann war 3 bis 4 mal in Begleitung des SS Mannes Alois Brunner in Altenfelden, beide waren im Gasthof Wöß in Lembach einquartiert. Alois Brunner gilt als größter österreichischer Naziverbrecher, er wurde am 1. Jänner 1941 Eichmanns Nachfolger als Leiter der Zentrallstelle für jüdische Auswanderung in Wien, ihm alleine wird die Ermordung von 120.000 Menschen zugeschrieben, er konnte nie zur Verantwortung für seinen Taten gezogen werden und soll noch heute in Syrien leben. Seine Frau wohnte nach Kriegsende einige Zeit im Gasthof Wöß in Lembach (WDR, Die Akte Brunner, am 9.12.98 auf ARD).

Nach einem Bericht der Jugendalijah dauerte der Arbeitseinsatz in Doppl 29 Monate, im September 1942 kam der Leiter der Jugendalijah Aron Mencer (geb. 1917) aus Doppl zurück, er war allerdings mit Unterbrechungen und nicht von Anfang an in Doppl mit dabei gewesen (Yad Vashem, Y.A. 030-62). Aron Menczer ware ein richtiges Idol für die Jugendlichen der Jugendalijah, er repräsentiert den Willen zum Widerstand der Juden gegen den Nationalsozialismus. Nach seinem Aufenthalt in Doppl wurde er nach Theresienstadt deportiert, er verabschiedete sich von den Jugendlichen der Jugendalijah mit den legendären Worten „Auf Wiedersehen in Palästina“ (http://www.austria.gv.at/service/pubinhalte.htm, 1999).

Ende 1941 verkaufte der Auswanderungsfond die Pappenfabrik Doppl und die Dopplmühle an die Josef Manner & Comp. A.G. (Mannerschnitten) um 230 000 RM. Die Juden dürften aber auch noch nach dem Besitzwechsel bis ca. September 1942 in der Fabrik gearbeitet haben. Nach dem Abzug der Juden arbeiteten in der Fabrik hauptsächlich ukrainische Fremdarbeiter.

 

8.3. Jüdische Mitbürger:

Die Juden im Umschulungslager waren nicht die einzigen Juden in Altenfelden:

Da war zum einem die schon oben erwähnte Maria Mösenbacher, die Zeitzeugen nennen sie „Frommherz Miaz“. Sie war die Enkelin des Juden Frommherz, galt aber nach dem Reichsbürgergesetz nicht mehr als Jüdin. Sie wohnte bis nach dem Krieg beim Leitenbauern .

Frau Maria Mösenbacher war mit dem um vieles älteren Major der Wehrmacht Lamp verheiratet, von ihm hatte sie eine Tochter. Major Lamp dürfte nach dem Krieg im Lager für NS-Verbrecher Glasenbach bei Salzburg gestorben sein. Maria Mösenbacher soll ihren Mann nur aus wirtschaftlichen Gründen geheiratet haben und hatte ein etwas lockeres Verhältnis zu Männern. Nach dem Krieg soll sie 2 Kinder von einem serbischen Fremdarbeiter bekommen haben und ist dann nach Deutschland ausgewandert.[44] Das Maria Mösenbacher ein zumindest freundschaftliches Verhältnis zu Adolf Eichmann unterhielt scheint unbestritten.

 

 

 

 

Die Schwester des Bürgermeisters Furtmüller war in Wien verheiratet mit dem jüdischen Professors Neumann. Als dieser bald nach dem Anschluß eines natürlichen Todes starb, zog Furtmüllers Schwester wieder nach Altenfelden. Frau Neumann soll angeblich einige Zeit ihre       Schwägerin, eine Jüdin, die man Liesi nannte, beim Hacklbauern in Altenfelden versteckt haben. Als die Mägde und Knechte etwas davon mitbekamen, wurde sie angehalten,

Altenfelden zu ihrer eigenen Sicherheit zu verlassen. Sie versuchte die Flucht über die Grenze nach Ungarn wurde dabei aber gefaßt und kam in Folge ins KZ Auschwitz, das sie überlebt haben dürfte. Nach dem Krieg soll sie nach Australien ausgewandert sein.[45]

 

In Neufelden war ein jüdischer Notar namens Lasch tätig, dazu ein Auszug aus dem Brief     eines Karl Roiser an die Historikerin Frau Univ. Prof. Dr. Erika Weinzierl:

 

„In Neufelden, O. Ö., lebte im Jahre 1938 der jüdische Notar Lasch, ein hochdekorierter Weltkriegsoffizier und Funktionär des „Deutschen Schulvereins Südmark“. Nach dem „Anschluß“ sollte Notar Lasch den Davidsstern tragen. Mein Vater protestierte unter Hinweis auf die „Goldene“ (Tapferkeitsmedaille) Laschs gegen diese Maßnahme, und Notar Lasch brauchte lange Zeit den Davidsstern   nicht tragen. (Mein Vater starb am 31.3.1939). Notar Lasch wurde nach dem 13.3.1938 im Gasthaus Scherer in Neufelden verpflegt und mit der größten Hochachtung behandelt. Während meiner beruflichen Tätigkeit in der Brauerei Scherer im Jahre 1942 bis zu meinem Einrücken haben Mitglieder der Familie Scherer und ich trotz hämischer Bemerkungen aus Parteikreisen immer mit Notar Lasch   an einem   Tisch gegessen und uns mit ihm unterhalten.“ (DÖW, 1982, Bd.1, S.538)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

9. Die katholische Kirche

 

Die Ideologie des Nationalsozialismus und der deutschnationalen Parteien war traditionell antiklerikal. Das Verhältnis der Kirche zu den Nationalsozialisten in Österreich war zusätzlich dadurch gestört, daß sich die katholische Kirche ganz und gar mit dem Ständestaat identifizierte. Im Ständestaat war die Kirche voll ins politische Leben integriert und genoß so manche Privilegien. Der Anschluß brachte kurzzeitig eine Austrittswelle aus der katholischen Kirche mit sich, die aber im Vergleich mit den Austrittstendenzen unserer Tage unbedeutend war.[46]

 

9.1. Die Priester der Pfarre:

Von 1937 an war Pfarrer Johann Donnerer (geb. 6.12.1900) Seelsorger in der Gemeinde       Altenfelden, er wurde am 8. September 1939 von der Gestapo wegen einer Äusserung gegen Hitler verhaftet, zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt und am 9.3. 1940 wieder freigelassen (DÖW,1982,S.16). Nach der Enthaftung durfte er nicht mehr nach Altenfelden zurück, nur zwei Tage und zwei Nächte wurde ihm der Aufenthalt in Altenfelden       erlaubt, um seine Sachen zu packen. An der Stelle Donnerers wurde vorübergehend der       Kooperator Fellner vom Bischof eingesetzt, bis am 1. August 1940 der 62jährige Dr. Franz Fuchs zum Pfarrer der Pfarrgemeinde wurde. Dr. Fuchs war zuvor Professor am Petrinum (Bischöfliches Knabenseminar, Linz) gewesen, das von den Nationalsozialisten wie alle kirchlichen Schulen aufgelassen worden war. Bevor Pfarrer Fuchs im Mai des Jahres 1944 starb, wurde er 1943 noch zum Dechant des     Dekanates Altenfelden ernannt. Im September 1944 kam dann Pfarrer Hermann Kagerer nach Altenfelden, er sollte bis 1966 hier Pfarrer bleiben.

Kagerer war beim Anschluß Bezirksführer der Vaterländischen Front des Bezirks Ried im Innkreis und wurde schon am 13. März 1938 von der SS verhaftet. Zuerst war Kagerer im Polizeigefängnis Linz inhaftiert und kam dann am 6. 11.1939 in das Konzentrationslager Dachau und in weiterer Folge im Mai 1940 ins KZ Mauthausen, von wo er am 15.11.1940 entlassen wurde. Über Kagerer wurde Gauverbot für Oberdonau, verhängt, das heißt, Kagerer wurde nicht erlaubt, sich in Oberösterreich aufzuhalten, erst im Juni des Jahres 1944 durfte er wieder nach Oberösterreich. Dies war durch eine Intervention des Bischofs Dr. Fließer möglich geworden (Pfarrchronik, 1944, S.49-50). Daß Kagerer die Jahre im Konzentrationslager überlebt hat, grenzt an ein Wunder, es gab zwar Leute im Ort, die behaupteten, Kagerer habe sein Überleben seiner Tätigkeit als Kapo (Häftling mit Aufsichtsfunktionen) zu verdanken. Josef Leibetseder hingegen erzählt, dies habe er einem Gendarmen zu verdanken, der wegen seiner Tätigkeit als Illegaler in der Systemzeit entlassen werden sollte und für den Kagerer beim Landeshauptmann Gleißner statt einer Entlassung eine Versetzung erreichte. Der Polizist ging später als Illegaler nach Deutschland, wo er im Einflußbereich Görings arbeitete. Er habe veranlaßt, daß der Lagerleitung des KZ´s ein Schreiben vorlag, das von Göring persönlich unterzeichnet war und Kagerer unter Schutz stellte.[47]

 

9.2. Die Kirche und der NS-Staat:

Während sich das NS-Regime anfangs nicht übermäßig kirchenfeindlich zeigte, wurde im Laufe der Jahre das Verhältnis zwischen Nazis und Kirche immer gespannter. Der Kontrast zwischen den ersten und den letzten Jahren der NS-Herrschaft zeigt sich in den Berichten zu Primizen in Altenfelden.

Am 6. Juli 1939 fand in Altenfelden die Primiz von Ludwig Kneidinger[48], dem Sohn des       ehemaligen Bürgermeisters Kneidinger statt. Zu diesem Anlaß zog ein personenreicher     Festzug in Begleitung der Musikkapelle durch den Ort.[49]

Am 1. Oktober 1944 fand die Primiz von Josef Gruber, Sohn des Turmbauern aus Steinerberg, statt.

 

„Am Sonntag um 8h früh versammelten sich die Festgäste im Pfarrhof und geleiteten in aller Stille (Musik u. Gesang war durch die NSDAP verboten) den neugeweihten Prister zum festlich geschmückten Gotteshaus. ….. In aller Stille wurde die außerkirchliche Feier im Elternhaus, Turmbauernhof, gefeiert.“ (Pfarrchronik, 1944, S.51)

 

Die NSDAP verbot dem Oberlehrer Kainberger, wie allen Lehrern, sein Amt als Organist weiter auszuüben.

 

„Der Primiztag [Primiz Kneidinger] war für Oberlehrer Johann Kainberger der Abschluß seines     Organistendienstes. 17 Jahre hat Herr Oberlehrer Kainberger überaus eifrig und tüchtig den Kirchen- chor geleitet und durch würdig-schöne Darbietungen die Ehre Gottes und die Erbauung der Pfarr-             gemeinde gefördert. Der Herr vergelte ihm sein edles, opferbereites Streben.“ (Pfarrchronik, 1939, S.31)

 

Anfang 1939 wurde die Pfarrbibliothek beschlagnahmt:

 

Am 10. I. 1939 wurde die kleine Pfarrbücherei vom Ortsgruppenleiter der NSDAP Altenfelden, Karl Großhaupt, beschlagnahmt u. die Bücher (ca. 100) aus dem Pfarrhof entfernt.“ (Pfarrchronik, 1939, S.25)

 

Auch die kirchlichen Feste erlebten einen Wandel, viele Feiertage wurden abgeschafft und Prozessionen in ihrem Umfang eingeschränkt. Zum Beispiel wurde aus dem christlichen Erntedankfest ein Propagandaumzug der NSDAP. Karl Zöchbauer erinnert sich noch gut, daß bei den Erntedankumzügen der NSDAP die Erwachsenen ¼ Wein geschenkt bekamen, „das war damals was Besonderes“.

 

„Der Fronleichnamstag war heuer kein Feiertag. Die Prozession mußte am Fronleichnamssonntag         gehalten werden. Das Stecken v. Birken war nur in der Kirche und bei den Altären erlaubt. Am Weg war nur Birkenreisig gestreut. Frisches Gras durfte nicht gestreut werden.“ (Pfarrchronik, 1940, S.36)

 

„Die Fronleichnamsprozession mußte wie im Vorjahr auf den Sonntag verschoben und ohne Musik u. Böllerschießen (Donnerer) abgehalten werden. Sie nahm auf politischen Befehl einen kürzeren Weg als früher, verlief aber trotzdem sehr erhebend und erbaulich. Die Verlegung zweier Fronleichnamsaltäre an die nördliche Außenseite des Ortes (hinter dem Schneebergergarten und beim Kreuze) erwies sich als sehr günstig und stimmungs voll. Die Beteiligung der Leute war groß.“(Pfarrchronik, 1941, S.39)

 

 

Auch die Einführung der Kirchenbeiträge fällt in die Zeit des NS-Regimes, diese Neuerung sollte der Kirche schaden. Man war offensichtlich der Meinung, durch das Einheben von     Kirchenbeiträgen würden viele dazu bewogen, aus der Kirche auszutreten. Mit 1.Mai 1939 wurde die staatliche Unterstützung für die Kirche gestrichen. Der Pfarrkirchenrat wurde gegründet, um die Kirchenbeiträge einzuheben und zu verwalten. Anfangs wurden pro Person nur 3, 6, oder 9 RM monatlich, abhängig vom Einkommen, eingehoben, und die Priester bekamen im restlichen Jahr 1939 nur noch zwischen 100 und 200 RM Monatslohn. Mit dem Jahr 1940 wurde dann eine Kirchenbeitragsregelung eingeführt, die sich in ihren Grundsätzen kaum von der heutigen unterscheidet.[50]

 

Vor dem Anschluß hatte die kirchliche Heirat auch Gültigkeit für den Staat, mit dem Nazi-   regime wurde die Kirche dieser Funktion enthoben und nur noch am Standesamt geschlossenen Ehen waren rechtskräftig. Im Gegensatz zur kirchliche Taufe wurde die vom Ortsgruppenleiter zelebrierte Namensgebung eingeführt..

 

„Mit Beginn 1939 werden in der ganzen Ostmark Standesämter errichtet, damit auch in Altenfelden und Arnreit.“ (Pfarrchronik, 1939, S.25)

 

„Am 21. April erfolgte in unserer Gemeinde die erste Namensgebung.“ (Pfarrchronik, 1940, S.35)

 

9.3. Die Abspaltung der Pfarre Arnreit:

Der Kriegsausbruch hatte zur Folge, daß alle Priester, die nicht Diözesanangestellte oder     Kirchenrektoren waren, einrücken mußten. Kirchenrektor in Altenfelden war der Pfarrer, nicht aber der Kooperator und die Vikare der Filialkirchen (z.B. Arnreit). Diese Regelung nützte man aus. Der Bischof ernannte auch die kleinsten Filialkirchen zu selbstständigen Pfarren, damit war eine neues Kirchenrektoramt geschaffen und ein weiterer Geistlicher konnte vor dem Einrücken bewahrt werden.[51] Nachdem Arnreit seit 1927 eine eigene Gemeinde war, die auch die Unabhängigkeit in kirchlichen Belangen anstrebte, wurde im November 1941 aus der Expositur der Pfarre Altenfelden die neue Pfarre Arnreit. Zur Pfarre Arnreit kamen die meisten Ortschaften des Gemeindegebietes von Arnreit jedoch nicht alle. Auch die Ortschaft Oberfeuchtenbach, Gemeinde Altenfelden, sollte auf Grund der räumlichen Nähe der Pfarre Arnreit eingegliedert werden, die Einwohner waren allerdings dagegen, so blieb nach einer Volksbefragung Oberfeuchtenbach bei der Pfarre Altenfelden (Pfarrchronik, 1941, S.41).

 

Gegen Ende des Krieges sahen immer mehr Menschen in der Kirche einen Gegenpol zum inzwischen verhaßt gewordenen NS-Regime.[52]


10. Krieg

 

Ziel der Nationalsozialisten war es, ein Großdeutsches Reich zu schaffen, das konnte nur durch Gewalt geschehen, schon bald nach dem Anschluß machten sich die ersten Vorboten des Krieges bemerkbar. Nicht nur organisatorische Strukturen wurden gleich nach dem Anschluß geschaffen, die sich im Krieg als äußerst nützlich erwiesen, sondern auch die Bevölkerung wurde auf den kommenden Krieg vorbereitet. Bereits im September 1938, ungefähr ein Jahr vor Kriegsausbruch, fanden in Altenfelden die ersten Vorträge über Luftschutz statt.

 

„Altenfelden (Luftschutzversammlung.) In der Versammlung am 12. und 13. September, die infolge großer Beteiligung auf zwei Abende verteilt werden mußte, sprach Oberlehrer Kainberger über die Notwendigkeit des Luftschutzes und Dr. Hirtmayr über die Wichtigkeit des Roten Kreuzes. Die äußerst verständlichen und eindringlichen Ausführungen der beiden Redner bewirkten eine große Zahl von Beitritten sowohl beim Luftschutzbund als auch zur Gemeinschaft oder Bereitschaft des Roten Kreuzes.“ (Heimatblatt, 1938, Nr.12, S.7)

 

Wenige Wochen später, als durch das Münchner Abkommen auch das Sudetenland dem Deutschen Reich angeschlossen wurde und erstmals Kriegsgefahr drohte, kamen deutsche Soldaten der Flak (Flieger- Abwehr- Kompanie) nach Altenfelden. Sie hatten ein kleines Büro im Pfarrhof eingerichtet und in der Schule waren 75 Mann untergebracht (Pfarrchronik, 1938, S.22).

 

„Altenfelden…(12 Tage Einquartierung) schufen ein herzliches Verhältnis zwischen Zivil und Militär.       Die Soldaten fühlten sich in den einzelnen Familien bald heimisch und trugen durch ihr Erzählen von     der   Heimat sicher viel dazu bei, mit dem Leben und Streben im Altreich immer vertrauter zu werden.     Hie und da wurden wohl Pläne geschmiedet, für den Sommer, die die einen durch KdF an die Donau,   die anderen an den Rhein bringen sollen. Reichgeschmückt, mit Blumen, Plakaten versehen (Todesanzeige der CSR., usw.) zog die Autokolonne am 21. d. [21.9.1938] wieder heimwärts.“ (Heimatblatt, 1938, Nr.17, S.4)

 

Am 1. September 1939 begann mit dem Angriff auf Polen der 2. Weltkrieg, in Folge mußten rund 400-500 Altenfeldener Wehrpflichtige einrücken. 152 Altenfeldener Soldaten verloren durch den Krieg ihr Leben und 35 kamen invalid aus dem Krieg zurück (Leibetseder, 1995, o.S.). Die Altersbestimmungen für die Wehrpflicht änderten sich während des Krieges öfters, gegen Ende des Krieges wurde der Altersrahmen zunehmend erweitert.[53] Altenfeldener Soldaten waren an Kriegsschauplätzen von Afrika bis zum Nordkap.

Aber auch Frauen wurden zum Kriegszweck herangezogen, sie mußten entweder Kriegsdienst oder Kriegshilfsdienst leisten. Kriegsdienst wurde direkt bei der Wehrmacht oder einem Rüstungsbetrieb geleistet, im Gegensatz zum Kriegshilfsdienst, der die jungen Mädchen dazu verpflichtete, die durch den Krieg fehlenden Arbeitskräfte zu ersetzten. So war zum Beispiel ein Altenfeldner Mädchen Jahrgang 1926, im Rahmen des Kriegshilfsdienst bei der Altenfeldner Post eingesetzt, ein anderes Mädchen arbeitete in der Bäckerei der kinderreichen Familie Wolfmayr.[54]

 

10.1. Die Radarstation Fraunschlag:

Im Jahr 1942 wurde in Fraunschlag mit dem Bau einer Radarstation begonnen, die Grund-   festen und die Kamine für das Lager wurden von Maurermeister Reisinger erbaut, die Baracken wurden fertig angeliefert. Die Baracken waren nicht gerade luxuriös, konnte sich doch die Besatzung nur in der Waschschüssel waschen, weil nicht einmal ein Waschraum zur       Verfügung stand.[55]

Zur Radarstation gehörten 5 oder 6 Holzbaracken, 4 Radargeräte, Scheinwerfer und einige MG-Stellungen. Die Besatzung bestand aus rund 30 Soldaten und eben so vielen Luftwaffenhelferinnen in blauer Uniform. Blitzmädchen, so nannten die Einheimischen die Luffwaffenhelferinnen, die dem Bodenpersonal der Luftwaffe angehörten. Ihre Aufgabe war es, die gewonnen Daten über feindliche und deutsche Flugzeuge auf einem „Seebergtisch“ einzutragen. Seebergtisch nannte man den Glastisch mit Landkarte, auf dem Daten über den Luftraum gesammelt wurden. Die Radarstation hatte außerdem die Aufgabe, die Flieger der Luftwaffe über Flughöhe und Entfernung feindlicher Flieger aufzuklären. Es gab täglich morgens und abends einen feierlich zelebrierten Fahnenappell. Die Radarstation stand unter der Leitung eines Bayern, Oberleutnant Strauch. Eine leitende Position nahm als Ausbilderin die aus Nordböhmen, vom Fuße des Erzgebirges, stammende Frau Martha Schaubmair-Linhardt ein. Kurz nach Kriegsende heiratet sie einen Altenfeldner und blieb in Altenfelden. Sie erzählte, daß die Mädchen oft davor Angst hatten, Ziel eines Fliegerangriffs zu werden. Und tatsächlich eines Tages war es so weit, ein ganzer Fliegerschwarm flog über Haselbach und alle verkrochen sich in den Schützengräben, die Amerikaner warfen allerdings nur leere Treibstofftanks ab.[56]

 

10.2. Fliegerangriffe:

Gegen Ende des Jahres 1944 wurden die Fliegerangriffe immer häufiger.

 

„Mit etwas Sorge sah der Pfarrer in der Frage der Mitternachtsmesse dem Weihnachtsfest entgegen, die täglichen Fliegerangriffe verschärften die Verdunkelungsvorschriften. In Vereinbarung mit der Orts- gruppenleitung wurde aber ein Ausweg gefunden, so daß zur großen Freude der Pfarrbevölkerung die Messe wie gewöhnlich gefeiert werden konnte. – Immer stärker u. heftiger wurden die Fliegerangriffe. Täglich kreisten in der Mittagszeit die todbringenden Silbervögel über unseren Ort. In den Mittagsstunden des 29. Dezember fielen ca. 300 Schritte vom Pfarrhof entfernt auf der Neufeldnerstraße mehrere Bomben, die im Pfarrhof sämtliche Fensterscheiben des I. u. II. Stockwerks an der Ostseite, 14 an der Zahl, zertrümmerten. Der Schrecken war groß. Zum Glück war kein Menschenleben zu beklagen.“ (Pfarrchronik, 1944, S.52)

 

„Die Fastenpredigten hielt Pfarrer Kagerer unter starker Beteiligung der Pfarrgemeinde. Da aber gerade um die Mittagszeit immer Fliegerangriffe waren u. die Gläubigen nicht ohne Gefahr nach Altenfelden zur Predigt kommen konnten, mußten die Fastenpredigten auf den Frühgottesdienst verlegt werden.“ (Pfarrchronik, 1945, S.57)

 

Wegen der häufigen Flugangriffe begann man mit dem Bau eines Luftschutzstollens in Fraunschlag (Katzinger, 1978, S.53)

 

10.3. Flüchtlinge

Im Jahre 1944 durchzog erstmals eine Flüchtlingsflut Altenfelden.

 

„Der Wellenschlag der Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen machte sich in der Flüchtlingsflut auch       in unserem Ort bereits bemerkbar. Tag für Tag durchzogen Wagenkolonnen von Osten kommend               unseren Ort. Abgemagerte Pferde zogen das wenige Hab u. Gut, das diese Volksgenossen aus dem           Banat mitgenommen hatten, um sich nun irgendwo eine neue vorübergehende Heimat zu suchen.           Not, Elend, Kummer, Sorgen, alles in allem, ein Bild des Jammers. Viele waren den Strapazen nicht           gewachsen und erlagen ihnen; so manches Kreuz auf dem Altenfeldner Friedhof gibt davon Zeugnis.“ (Pfarrchronik, 1944, S.52)

 

Anfang 1945 wurde in Altenfelden eine ungarische Militäreinheit stationiert.

 

Gleich in den Ersten Jännertagen zog wieder ein Flüchtlingsstrom in unserem Ort ein. Aber diesmal   nicht Durchzug, sondern Einzug: Ungarn! Ungarisches Militär, Offiziere u. Mannschaften, Frauen und Kinder, vollgepackte Last- und Privatautos, Motorräder u. Pferdefuhrwerke wurden in Altenfelden einquartiert. Die Schule wurde geräumt u. dort die Militärkommandantur untergebracht. Den Offizieren       wurden mit ihren Familien Privatwohnungen zugewiesen. So war der kl. Ort Altenfelden überbevölkert. Auch die Stallgebäude des Pfarrhofes waren mit ungar. Militärpferden besetzt. Der Hof hallte wider von den Rufen ungarischer Soldaten. Die ungar. Militärkommandantur legte Wert darauf, daß das Militär dem sontägl. Gottesdienste beiwohnen konnte. So zelebrierte der H. H. Pfarrer jeden Sonntag       um 8h eine hl. Messe für die ungar. Militär- und Zivilbevölkerung, da die Gottesdienste zu den fest-             gelegten Zeiten von der heimischen Bevölkerung ohnedies so stark besucht waren, daß kein Platz f. d.     Ausländer blieb. Dabei sangen die Ungarn in ihrer Sprache Meßlieder u. viele gingen zu den Sakramenten. Später kam ein Feldkurat, der im Pfarrhof wohnte u. dort blieb, bis die russische Besatzung kam.“ (Pfarrchronik, 1945, S.54)

 

Wenige Tage vor Ende des zweiten Weltkriegs kam dann auch noch eine Werkstättenkompanie der deutschen Wehrmacht nach Altenfelden, ihr gehörten 50 deutsche Soldaten und Techniker, 80 russische Hilfsfreiwillige in deutscher Uniform und 130 Kriegsgefangene an, sie wurden von 12 ukrainische Familien, die vor den Russen geflohen waren, begleitet (Katzinger, 1978, S.53). Die Werkstättenkompanie wurde in Haselbach und in der Pappenfabrik Pürnstein untergebracht.[57] Im Besitz der Werkstättenkompanie waren wertvolle Maschinen und Werkzeuge.

 

 

 

10. 4. Der Volkssturm

Im Jahre 1944 wurde der Volkssturm aufgestellt, ihm gehörten alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren an, den Volkssturm könnte man als „das letzte Aufgebot Hitlers“ bezeichnen. Auch dem Volkssturm lag eine militärische Struktur zu Grunde. Gastwirt Rachinger aus Neufelden war Bataillionskommandeur beim Volkssturm, der Kaufmann List war als Leutnant des 1.Weltkriegs der ranghöchste Altenfeldner beim Volkssturm, er war Kompanieführer, Ing. Holzhauser war Spieß und der Schmiedemeister Hirsch Zugsführer.[58] Die Pfarrchronik bemerkt auf Seite 57 (1945), daß die Übungen des Volkssturms vom Ortsgruppenleiter immer zur Zeit des Gottesdienstes einberufen wurden.

 

10.5. Die letzten Kriegstage:

Die Fronten der Amerikaner und Russen rückten näher. Ganz Oberösterreich rechnete mit dem Einmarsch der Roten Armee im Osten des Gaues. Jedoch eine Vereinbarung zwischen Amerikanern und Sowjets, die die Tschechoslowakei den Russen zusprach, veränderte die Situation. So zog sich die 3. US-Armee unter Führung von General Patton aus der Nordwestlichen Tschechoslowakei zurück, wo sie am 18. April 1945 eingedrungen war, um in Richtung Karlsbad – Pilsen – Prag – Budweis zu marschieren. Dadurch traf uns der Angriff der Amerikaner aus dem Westen. Obwohl die Rote Armee schon am 15. April vor St. Pölten stand,   marschierten die Sowjets wider Erwarten nach Prag und der Großangriff der Roten Armee auf Oberösterreich blieb aus. Die Amerikaner jedoch rückten im Eilmarsch, aus der Luft versorgt, durch Bayern der oberösterreichischen Grenze entgegen.

 

Nun kamen die Parteifunktionäre und die Wehrmacht in Zugzwang und Altenfelden wurde für den Kampf vorbereitet. Hinter dem Armenhaus wurde ein Beobachtungsturm aufgestellt.

Zu Ostern 1945, einige Wochen vor Kriegsende, begann man mit dem Graben von Schützenlöchern, nicht nur der Volkssturm und die Hitlerjugend sondern auch Volksschüler (10 Jahre und jünger) bekamen eine Schaufel in die Hand gedrückt.[59]

 

Als“…sich die Bevölkerung am Karsamstag zur Auferstehungsfeier vor der Kirche versammelte, erging auf einmal an alle Volkssturmmänner der Befehl, sofort auszurücken u. Schanzgräben auszuheben, so daß der Chor ohne Sänger u. Musiker dastand.“ (Pfarrchronik, 1945, S.57)

 

Die Hitlerjugend mußte im Osten des Ortes an der Ortseinfahrt Schützenlöcher graben, zwei Burschen der HJ, die nicht mitmachten und zuhause blieben, wurden deshalb über die Osterfeiertage in Neufelden eingesperrt. Die Buben wußten sich aber zu helfen und machten sich den Gefängnisaufenthalt durch ein Schnitzel, das jeder in das Hutfutter eingenäht hatte, erträglicher.[60]

Die Parteifunktionäre entfernten alle Wegweiser und Hausschilder (Katzinger, 1978, S.53), auf den Straßen wurden Bäume umgeschnitten, die als Panzersperren dienen sollten.

Während sich die meisten Bewohner gegen Kriegsende schon damit abgefunden hatten, daß das Deutsche Reich den Krieg verlieren würde, gab es noch immer einige wenige, die so verblendet waren, daß sie erbittert bis zum Schluß für den „Endsieg“ kämpften. Diesen Menschen, wie zum Beispiel dem Ortsgruppenleiter Großhaupt, waren die schweren und folgenreichen Kampfhandlungen in Altenfelden zu Kriegsende zu „verdanken“. Von einer Neufeldnerin wird erzählt, sie habe noch am Tag, an dem die Amerikaner kamen, durch den Ort geschrien: „Einen Tag hätten wir noch gebraucht, dann wäre die Wunderwaffe wirksam geworden!“.[61]

 

Der Ortsgruppenleiter Großhaupt bestellte die SS am 30. April nach Altenfelden (Pfarrchronik, 1948, S.100). Auf Großhaupts Befehl wurden am 30. April und 1. Mai 1945 die Brücken über die Kleine Mühl beim Bruckwirt, bei der Salzbruck und in Hühnergeschrei gesprengt so auch die Eisenbahn- und die Holzbrücke über die Große Mühl bei Pürnstein.

Im Fall der Pürnsteiner Brückensprengung war die Explosion so heftig, daß die Stücke der Brücke noch hunderte Meter weit flogen.[62] Die Sprengung der „Salzbruck“ mißlang, das Resultat der Brückensprengung durch einen Aufleger war lediglich ein großer schwarzer Fleck. Auch die Brückensprengung in Hühnergeschrei bei der Wallmühle mißlang anfangs, nicht die Brücke wurde Opfer der Bombe (für die Sprengung wurde eine Fliegerbombe verwendet) sondern die umliegenden Häuser, erst die zweite Sprengung beschädigte die Brücke so, daß die Amerikaner später einen Umweg machen mußten.

Auch die zweite Brücke in Hühnergeschrei sollte gesprengt werden, der Ortsgruppenleiter Großhaupt beauftragte Johann Kneidinger jun. mit der Sprengung der Brücke. Kneidinger weigerte sich jedoch, die Sprengung durchzuführen, weil dadurch die Häuser seiner Angestellten gefährdet würden, sein Standpunkt wurde auch von einem Offizier der Wehrmacht unterstützt. Großhaupt zu den Beiden: „Won um Berlin ned schod is, dann is um Heagschroa a ned schod“ , berichtet Frau Maria Ecker (geb. Aigelsdorfer), Augenzeugin der Auseinandersetzung.[63] Vorerst ließ Großhaupt dieses Vorhaben sein, aber er wollte am nächsten Tag mit der SS wiederkommen, um die Sprengung vorzunehmen. Inzwischen setzte sich aber die Wehrmacht, die im Laufe des 30. April nach Hühnergeschrei gekommen war und in den umliegenden Häusern einquartiert wurde, in Anbetracht der strategischen Lage gegen ihre Befehle über die Donau ab. In den Wirren des Abzugs gelang es unter Gefährdung des eigenen Lebens dem Schustermeister Aigelsdorfer sen., Johann Kneidinger jun. und dem Gastwirt Gnad, die für die Brückensprengung vorgesehene Fliegerbombe zu verstecken, zur Sprengung konnte es damit nicht mehr kommen. Die SS, 4 bis 6 Männer dürften es in Hühnergeschrei gewesen sein, und der Ortsgruppenleiter sorgten jedoch dafür, daß Ersatz für die Wehrmacht nach Hühnergeschrei kam, wo bald auch die Amerikaner eintreffen sollten.

 

Schustermeister Josef Aigelsdorfer zum Zeitpunkt des Geschehens erst 10 Jahre (!) alt, erinnert sich bis in Details an die folgenden denkwürdigen Stunden:

 

 

„Mein Vater fuhr am 30. April mit dem Fuhrwerk nach Rohrbach, um sich in der Lederfabrik Poeschl noch mit Material einzudecken, an diesem Tage war schon von der Ferne Geschützlärm wie leichtes Donnergrollen zu hören. Nachdem sich die Wehrmachtsoffiziere Hals über Kopf Richtung Donau abgesetzt hatten, kam am Vormittag des 1. Mai eine Einheit von ca. 200 jungen Burschen (18-19jährige Flugschüler aus der Gegend von Köln) mit dem Fahrrad, Karabiner und Panzerfaust am Rücken, nach Hühnergeschrei, ein Teil wurde sofort zum Ausheben von Schützenlöchern am Oberhauserberg beordert, während man schon das Dröhnen der Panzer hörte, die von Hörbich nach Krondorf rollten und in einer Anzahl von über 300 Stück auf einem grossen Feld am Gegenhang jedoch außerhalb der Reichweite einer Panzerfaust Aufstellung nahmen. Um 3 h nachmittags gingen die Kampfhandlungen los, die Häuser in Schußlinie der Panzer: Kitzberger, Stöbich (Stein) und Oberhauser wurden in Brand geschossen, die Bewohner des letzteren hatten sich im Keller unter einer Falltüre versteckt und wurden im brennenden Haus durch den einstürzenden Kamin eingeschlossen, überlebten aber. Von einem der jungen Soldaten blieb nach einem Volltreffer ein Fuß mit Schuh als größter verbliebener Körperteil, meine Schwester mußte die Überreste mit einem Rechen einsammeln. Die Amerikaner schossen in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai auf alles, was sich bewegte. Die Dunkelheit bot keinen Schutz, denn brennende Phosphorgranaten, die drei brennenden Häuser und das von den Deutschen angezündete Lager Fraunschlag machten die Nacht zum Tag. Zwischen 5 und 6 Uhr morgens waren die Amerikaner endgültig in Hühnergeschrei[64].

 

9 junge Menschen mußten hier noch 3 Tage nach Hitlers Selbstmord und 5 Tage vor der endgültigen Kapitulation sinnlos ihr Leben lassen.

Um ca. 9 Uhr kamen die Amerikaner dann nach Haselbach, von wo sich nur wenige Minuten zuvor die deutschen Truppen zurück gezogen hatten.[65]

Auch in Pürnstein kam es zu Kampfhandlungen. Die SS, die sich in der Burg Pürnstein verschanzt hielt, wurde von amerikanischen Truppen, die wahrscheinlich über Hühnergeschrei und Partenreit gekommen waren, beschossen, auch hier wurden einige Häuser Opfer der Flammen.

Die Ortschaft Altenfelden wurde nicht von Hühnergeschrei aus beschossen sondern aus Richtung Hörhag, wohin die Amerikaner von Lembach über den Bruckwirt gekommen waren. Auch im Ort Altenfelden war die Bilanz der Kampfhandlungen katastrophal. Es gab 3 tote Frauen: Frau Maria Gridl, Frau Anna Karl und eine Ausländerin, die anders als die meisten Altenfeldener den Ort nicht verlassen hatten. Einige Häuser, darunter das Gemeindeamt, gingen in Flammen auf. Altenfelden bot ein Bild der Verwüstung, erst im Laufe des 2. Mai entspannte sich die Situation.

Der Altenfeldener Volkssturm wurde in den letzen Kriegstagen Richtung Niederkappel geschickt, wo der Kompanieführer Kaufmann List die Truppe aus ihrem Dienst entließ und möglicherweise dadurch so manches Leben rettete. Er war sich als erfahrener Leutnant des

1.Weltkriegs über die Chancenlosigkeit jedes Widerstands gegen die Amerikaner im Klaren.[66]

 

 

 

 

 

 

11. Das Ende des Schreckens:

 

Es war am 2. Mai, 5 Uhr nachmittags, als der amerikanische Kommandant und 2 Offiziere den Pfarrhof betraten. Pfarrer Kagerer wollte ihnen die Hand geben, aber die Amerikaner lehnten ab, sie fragten lediglich nach Waffen und Soldaten. Der Pfarrer führte die Amerikaner in die Pfarrkanzlei, wo er ihnen seine Entlassungspapiere von Dachau und Mauthausen zeigte, darauf entspannte sich die Situation und der Pfarrer wurde zur Vertrauensperson der Amerikaner. In den folgenden Tagen waren viele Altenfeldner gezwungen, in Scheunen und Ställen zu schlafen, da fast alle Häuser der Zivilbevölkerung, nicht nur im Ort sondern auch in den umliegenden Ortschaften, durch Amerikaner belegt waren. Der Pfarrer wurde vom Ortskommandanten der Amerikaner in den Gasthof Furtmüller, wo er Quartier bezogen hatte, bestellt. Dort wurde Kagerer die Stelle des Bürgermeisters angeboten, Kagerer lehnte allerdings ab und versprach einen geeigneten Mann für diese Stelle zu finden. Er fand den Bürgermeister in der Person des Maurermeisters Reisinger (Pfarrchronik, 1945, S.63-64)

 

„Fast anekdotenhaft war die Berufung Reisingers zum Bürgermeister. Er hatte beim Volkssturm gedient „haute“ aber beim Einmarsch der Amerikaner ab u. flüchtete sich in die Wälder. Als die Amerikaner den Ort besetzt hatten, wollte er in der Nacht in seine Wohnung zurückkehren, da er die Haustüre versperrt vorfand, kroch er beim offenen Schlafzimmerfenster in das Haus; Er wußte ja nicht, daß auch in seinem Haus Amerikaner wohnten. So verhafteten ihn diese, da er sich nicht verdolmetschen konnte, als einen       Einbrecher. Daher stand Reisinger am 3. Mai morgens unter den verhafteten Kriegsverbrechern, wie Großhaupt u. alle SS Leute an der Wand des Hochholdingerhauses im Garten. So traf ihn der Pfarrer, als er am Morgen des 3. Mai zur Kirche ging.- Wie erstaunt war daher der polit. Offizier, als ihm der Pfarrer diesen Mann als den kommenden Bürgermeister vorstellt; er erklärte sich aber nach Aufklärung der Sachlage miteinverstanden.“ (Pfarrchronik, 1945, S.64)

 

Als Strafe für den Widerstand der Ortsbevölkerung beim Eintreffen der Amerikaner, sollten alle Männer im Alter von 16 bis 60 einen Tag rund um die Kirche Aufstellung nehmen,, durch den guten Draht des Pfarrers zu den Besatzern wurde darauf verzichtet.

Am Mittwoch den 3. Mai wagten sich die Menschen langsam wieder ans Tageslicht. Die Amerikaner verhängten über Altenfelden das Standrecht und die Einwohner wurden dazu verpflichtet, die im Ort anwesenden Flüchtlinge zu versorgen. Das Kaufhaus List wurde zum Amtslokal des Bürgermeisters.

 

11.1. Die Nationalsozialisten:

Die bedeutenden Nazionalsozialisten des Ortes wurden verhaftet und kamen, wie der Ortsgruppenleiter Karl Goßhaupt, der Bürgermeister Georg Furtmüller, der Wirt Scheeberger, der Amtsleiter des NSV Osterkorn, die Lehrerinnen Grete Radler und Eichenbaum ins Lager für ehemalige NS-Parteifunktionäre in Glasenbach bei Salzburg.[67] Vom Wirt Scheeberger erzählt man, er habe die Inhaftierung in Glasenbach dem Umstand zu verdanken, daß er schon als Illegaler in der Partei gewesen sei, tatsächlich soll sich Schneeberger ein früheres Eintrittsdatum in die Partei erst nachträglich „erkauft“ haben, um in der NS-Zeit in den Genuß der Vorteile für ehemalige Illegale zu kommen.[68]

Dem Ortsgruppenleiter wird am Linzer Volksgerichtshof der Prozess gemacht:

 

„In den letzen Tagen des Krieges wurde vor dem Heranrücken der Amerikaner in Hühnergeschrei, Gemeinde Altenfelden, eine Brücke gesprengt, wobei zahlreiche Häuser zerstört wurden. Außerdem wurde Waffen-SS zur Verteidigung des Ortes herbeigerufen. Unter der Beschuldigung, dafür verantwortlich zu sein, stand nun in der Vorwoche der 52 Jahre alte Tischlermeister Karl Großhaupt aus Altenfelden vor dem Linzer Volksgericht. Großhaupt, der während der Nazizeit Ortsgruppenführer von Altenfelden war, wurde auch des Hochverrates beschuldigt, da er als Altparteigenosse anerkannt war. In seiner Verantwortung bestritt der Angeklagte die ihm zur Last gelegten Handlungen. Nach seinen Aussagen wurde die SS durch die Kreisleitung Rohrbach herbeigerufen. Die Brückensprengung sei jedoch von einem Linzer Spreng-           kommando durchgeführt worden. Erschwert wurde die Beweisführung durch die zurückhaltenden       Aussagen der Zeugen. Der Nachweis dafür, daß er für die Brückensprengung und den völlig sinnlosen Versuch der Verteidigung Altenfeldens die Verantwortung trägt, konnte aber nicht erbracht werden       doch nahm das Gericht – trotzdem Großhaupt auch dieses Faktum bestritt – es als erwiesen an, daß er     illegal war. Er wurde, nachdem er bereits zweieinhalb Jahre in Haft war, schuldig erkannt und zu drei     Jahren schweren und verschärften Kerkers sowie zum Verfall seines Vermögens verurteilt.“ (Pfrarrchronik, 1948, S.100 nach Der Mühviertler, 1948, ohne nähere Angaben)

 

Im August 1945 zogen die Amerikaner ab und die Russen kamen an ihrer Stelle nach Altenfelden, viele der Flüchtlinge und Fremdarbeiter, die seit Kriegsende im Ort waren, setzten sich aus Angst vor den Russen über die Donau in die amerikanische Zone ab, so mancher Heimkehrer marschierte ausgehungert aber voller Hoffnung in der Gegenrichtung. Reisinger blieb Bürgermeister bis er im Mai 1946 von Michael Meisinger, dem ersten – nach langen Jahren – demokratisch gewählten Bürgermeister abgelöst wurde.

Österreich wurde wieder zu einer Demokratie. Demokratie war, wie das Wort Österreich, für viele Jugendliche, die zur Zeit des NS-Regimes aufgewachsen waren, ein Fremdwort, wie sehr man den Wert der Demokratie nun schätzte, zeigt folgendes Ergebnis:

Die ersten demokratischen Wahlen am Sonntag, dem 25. November 1945 ergaben in Altenfelden 696 Stimmen für die Volkspartei, 209 Stimmen für die Sozalistische Partei und lediglich fünf für die Kommunisten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zusammenfassung:

 

Es wurde versucht, die Zeit des Nationalsozialismus an Hand des Beispiels Altenfelden,

einer kleinen Landgemeinde im Mühlviertel, aufzubereiten.

Dazu wurde eine Gliederung gewählt, die nach der Darstellung der Situation vor dem

„Anschluß“ und des Anschlusses selbst erlaubt, die wesentlichen

gesellschaftlichen Strukturkomponenten unter dieser Ägide: Gemeinde (Partei), Jugend, Schule, Landwirtschaft, Wirtschaft und Soziales, Rassenwahn und Katholische Kirche gesondert zu betrachten und die mit Krieg und dem „Ende des Schreckens“ schließt.

 

Es ist bemerkenswert, daß mir bei der Literatursuche keine vergleichbare

Arbeit begegnet ist. Die Tatsache, daß das nahe Zusammenleben in einer kleinen überschaubaren Gemeinschaft mit persönlichen und familiären Rücksichten einen entsprechenden Zeitabstand für eine unbefangene Aufarbeitung dieses Themas benötigt,

steht in problematischer Konkurrenz zum Ableben der Personen, deren Zeitzeugnis

wichtige Fakten vor allem aber auch Gründe und Hintergründe zu dieser Epoche

klarstellen könnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literaturverzeichnis, Interviews

 

DÖW, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands. (1982). Widerstand und Ver-

folgung in Oberösterreich 1934-1945 eine Dokumentation Bd. 1 u. Bd. 2. Wien:

Österreichischer Bundesverlag. Bd. 1 588 S. u. Bd. 2 642 S.

Grundbuch Rohrbach, Aktennummern: 651/42, 239/39, 271/39, 276/39

Heimatblatt, (Juli 1938 bis Dezember 1942), Studienbibliothek Linz.

Hoffmann, A. (1974). Bauernland Oberösterreich Entwicklung seiner Land- und Forstwirt-

schaft. Linz: Rudolf Trauner Verlag in Kommission für die Landwirtschaftskammer O.Ö. 784 S.

Huber, E. (1939). Verfassungsrecht des Großdeutschen Reiches. Hamburg: Hanseatische

Verlagsanstalt. 527 S.

Katzinger, W. (1978). Der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit. In: Gemeindeamt

Altenfelden (Hrsg.), Altenfelden Rückblick – Rundblick. Linz: Gemeindeamt Altenfelden im Eigenverlag. 118 S.

Kneidinger, W. (1978). Der wirtschaftliche Aufstieg und seine infrastrukturellen

Vorbedingungen. In: Gemeindeamt Altenfelden (Hrsg.), Altenfelden Rückblick – Rundblick. Linz: Gemeindeamt Altenfelden im Eigenverlag. S. 81-94.

Leibetseder, J. (1995). 50 Jahre danach, Weitblick, Rückblick und Vorschau bis in das Jahr

2000. Altenfelden: Verschönerungsverein Altenfelden im Eigenverlag. o. S.

Mühlviertler Nachrichten, (11.März bis Juli 1938), Studienbibliothek Linz.

Obermüller, F. (1989). 1959-1989 30 Jahre Union Sportverein Altenfelden. Altenfelden:

Österreichische Turn- und Sportunion S. V. Altenfelden im Eigenverlag. 108 S.

Pfarrchronik Altenfelden, (1934-1948). Pfarramt Altenfelden. S.7-100

Rosenkranz, H. (1978). Verfolgung und Selbstbehauptung Die Juden in Österreich 1938-

1945. Wien: Herold Verlag. 365 S.

Scherbaum, E. Kreispresseamtsleiter. (1941, November). Heimatbrief für die Soldaten aus

dem Kreise Rohrbach, Mühlkreis. Folge 4. Linz: NS-Gauverlag. S.19.

Scheucher, u. a. (1997). Zeitbilder Geschichte und Sozialkunde 7, Vom Beginn des Indu-

striezeitalters bis zum Zweiten Weltkrieg. Wien: ÖBV Pädagogischer Verlag. 170 S.

Slapnicka, H. (1978). Oberösterreich als es „Oberdonau“ hieß (1938-1945). Linz:

Oberösterreichischer Landesverlag. 515 S.

Tusek, G. (1992). Die tragischen Ereignisse in Österreich zwischen 1918-1938 und deren

Auswirkungen auf Jugendorganisationen. (Betreuer Prof. Mag. Schmied) Rohrbach: FBA am BG/BRG Rohrbach. 35 S.

Volkszählungen 1934, 1939, 1946. Bibliothek des Statistischen Zenralamts Wien.

Winkler, F. (1995). Schrecklicher Frühling 1945, Kriegsende im Dreiländereck Bayern Böh-

men Oberes Mühlviertel. Arbeitsgemeinschaft für Heimat- und Naturkunde. 93 S.

WDR, Produktion des Westdeutschen Rundfunks. Die Akte Brunner. auf ARD am 9.12. 1998

um 23 Uhr.

Yad Vashem, Jüdisches Dokumentationszentrum Israel. Aktennummern:

Y.V. 05-77, Y.V. 030-62, Y.V. 030-63

Zeman, R. (1957). Kirchberg/Obermühl, Geschichte der Gemeinde und ihrer Umgebung.

Wels: Gemeinde Kirchberg ob der Donau im Eigenverlag. 499 S.

 

Internet:

Bundespressedienst, Bundeskanzleramt. (1999). Publikation – Inhalte, Auf Wiedersehen in

Palästina. http://www.austria.gv.at/service/pubinhalte.htm

Projekt G, 10b des Solitude Gymnasiums in Stuttgard-Weilimdorf. (1999). Jugend kennt

keine Gefahren. http://www.sol.s.bw.schule.de/ProjektG/in/jkkg.html

 

 

Die befragten Personen:

Aigelsdorfer Josef, geb. 1935, damals Schüler und wohnhaft in Hühnergeschrei

Braun Hedwig, geb. 1922, damals Magd in der Kleemühle

Eckerstorfer Hedwig, geb. 1924, damals Lehre in Braunau

Kneidinger Ludwig, geb. 1917, damals Priester und KZ-Häftling

Leibetseder Josef, geb. 1930, damals Schüler, Haselbach

Moser Dr. Johny, Wien, Fachmann in Fragen des Holocaust, DÖW

Phüringer Martha, geb. 1928, Schülerin, Tochter des Leitenbauern

Schaubmair Martha, Luftwaffenhelferin aus dem Sudetenland

Wagner Martha, geb. 1926, Schülerin

Zöchbauer Karl, geb. 1927, Hauptberuflich HJ-Führer, Altenfelden

 

 

[1] Interview mit Josef Leibetseder (geb. 1930) im November 1998 und Jänner 1999

[2] Interview mit Karl Zöchbauer (geb. 1927, HJ-Führer) im Jänner 1999

[3] Karl Zöchbauer

[4] Josef Leibetseder

[5] Josef Leibetseder

[6] Karl Zöchbauer

[7] Ab Juli 1938 nannten sich die Mühlviertler Nachrichten, Heimatblatt

[8] Interview mit Martha Wagner (geb. 1926, Tochter von Bürgermeister Kneidinger) im Jänner 1999

[9] Josef Leibetseder

[10] Josef Leibetseder

[11] Martha Wagner, Josef Leibetseder, Interview Hedwig Eckerstorfer (geb. 1924) im Jänner 1999

[12] Karl Zöchbauer

[13] Martha Wagner

[14] Josef Leibetseder

[15] Karl Zöchbauer

[16] Karl Zöchbauer

[17] Martha Wagner, Karl Zöchbauer, Josef Leibetseder.

[18] Martha Wagner

[19] Martha Wagner

[20] Prälat Ludwig Kneidinger (geb. 1917, KZ-Häftling, Priester) im Jänner 1999

[21] Josef Leibetseder

[22] Karl Zöchbauer

[23] Martha Wagner, Ludwig Kneidinger

[24] Martha Wagner

[25] Josef Leibetseder

[26] Martha Wagner

[27] Josef Leibetseder

[28] Ludwig Kneidinger

[29] Karl Zöchbauer

[30] Karl Zöchbauer, Josef Leibetseder

[31] Josef Leibetseder

[32] Interview mit Josef Aigelsdorfer (geb.1935) im Dezember 1998

[33] Karl Zöchbauer, Josef Leibetseder

[34] Karl Zöchbauer, Josef Leibetseder

[35] Josef Leibetseder, Karl Zöchbauer

[36] Martha Wagner

[37] Josef Leibetseder, Karl Zöchbauer

[38] Karl Zöchbauer

[39] Martha Wagner

[40] Magarete Phüringer

[41] Interview Dr. Johny Moser (Fachmann für den Holocaust, DÖW) im Jänner 1999

[42] Interview mit Magarete Pühringer (1926) im Dezember 1998

[43] Magerete Phüringer

[44] Magerete Pühringer

[45] Josef Leibetseder

[46] Ludwig Kneidinger

[47] Josef Leibetseder

[48] Prälat Ludwig Kneidinger, Direktor der Diözesan-Finanzkammer in Linz von 1970 bis 1987, kam im Jänner 1942 wegen Verbreitung der Predigten Bischof Galens in Haft, am 25.4.1942 wurde er ins KZ Dachau gebracht, wo er bis zum 6.4.1945 blieb und Schreckliches erlebte. Eine genauere Schilderung der Ereignisse würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, jedoch möchte ich auf eine mehrseitige Dokumentation im Buch „Das Domkapitel in Linz“ von Rudolf Zinnhobler, Linz, 1992, Selbstverlag Diözesanarchiv Linz, S.306-318 verweisen.

[49] Martha Wagner

[50] Ludwig Kneidinger

[51] Ludwig Kneidinger

[52] Ludwig Kneidinger

[53] Ludwig Kneidinger

[54] Martha Wagner

[55] Karl Zöchbauer

[56] Martha Schaubmair

[57] Josef Leibetseder, Martha Wagner

[58] Karl Zöchbauer

[59] Josef Aigelsdorfer

[60] Josef Leibetseder

[61] Ludwig Kneidinger

[62] Martha Wagner

[63] Josef Leibetseder

[64] Josef Aigelsdorfer

[65] Josef Leibetseder

[66] Karl Zöchbauer

[67] Josef Aigelsdorfer, Josef Leibetseder, Ludwig Kneidinger

[68] Josef Aigelsdorfer

[FK1]

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§ 2 Antworten auf Altenfelden zur Zeit des Nationalsozialismus

  • hans hetterle sagt:

    hallo herr kneidinger –habe zum thema 7.4fremdarbeiter ein sehr aufschlussreiches bild entdeckt
    ihre detailierte aufbereitung der lokalhistorie ist bemerkenswert und für meine bescheidenen geschichtsforschungen sehr nützlich und interessant

    danke

    • tannberger sagt:

      Besten Dank für ihre Nachricht. Der angesprochene Beitrag stammt von meinem Sohn Florian und ist eine Fachbereichsarbeit aus Geschichte zu seiner Matura, damit bereits vor 15 Jahren erarbeitet. Wenn Sie mit dem „bild“ in Kapitel 7. 4 die „Anprangerung“ der Maria Stürmer meinen, so erhielten wir nach Erscheinen dieser Arbeit eine Darstellung des wahren Sachverhaltes der dabei erhobenen Anschuldigungen, wie er von der betroffenen Person selbst berichtet wurde. Ich suche diese Unterlage und lasse sie Ihnen per mail zukommen, bitte etwas Geduld.
      Mein persönliches Forschungsgebiet ist eher das Mittelalter, allerdings auch auf lokalhistorische Themen spezialisiert.
      mfg
      Walter Kneidinger

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